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„Stille Nacht“ – Herkunft eines Weihnachtsliedes

Eine Predigt über das weltweit bekannteste Weihnachtslied: „Stille Nacht“ – seine Geschichte, den ursprünglichen Text – gehalten an Heiligabend 2010 in der Martin-Luther-Kirche Detmold:

Liebe Gemeinde,

Wer hat den Text jetzt nicht im Kopf?

1. Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh.

2. Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund,
da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt.

Ob wir es mögen oder nicht – der Faszination dieses Liedes kann sich kaum jemand entziehen. Bei seinem Klang schwingt so viel mit: schneebedeckte Hügel, sternklare Nacht, Glocken rufen zur Christmette, Kerzenschein und Weihnachtsbaum, schönes und warmes Erinnern, eine heile Welt.

Ist denn das alles wahr? Wahrhaft gar?

Oft heißt es, dieses Lied wäre zwar gefühlvoll, aber nicht gehaltvoll. Vielleicht ist das ganz falsch.

Gott der als kleines Kind in der Krippe zu uns kommt – ist das gefühllos? Was ist die Krippe denn anderes als ein Appell an unsere guten, warmen und frohen Gefühle im Angesicht eines kleinen Kindes?

Ohne unser Gefühl kann es doch nicht abgehen, wenn wir in der Heiligen Nacht wieder die Worte hören, die da beginnen „Es begab sich aber zu der Zeit…“.

Der „holde Knabe im lockigen Haar“ – nichts anderes als ein Hinweis auf die Krippenbilder, wie sie im salzburgischen Herkunftsland unseres Liedes in den Pfarrkirchen gang und gäbe waren. Dieses Lied holt die Menschen bei ihren Erfahrungen und Prägungen ab.

Seine Entstehung steht mitten in der Suche nach einem Gottesdienst des Volkes – damals im Salzburgischen im Unterschied zur lateinischen Liturgie, zum allzu künstlichen Messgesang der Zeit. Es wirkte da auch das Erbe der daheimgebliebenen Nachkommen der Salzburger Protestanten nach – nicht alle waren vertrieben worden, und viele, die wieder katholisch geworden waren, hielten doch die Tradition der häuslichen Feiern und Bibelstunden aufrecht. So ist das Lied eigentlich auch für Gitarrenbegleitung geschrieben und eher für die bäuerliche Feier als für den Gottesdienst. Und doch trat es einen Siegeszug ohne gleichen an.

Das katholische Lied „Stille Nacht“ wurde einer breiten Öffentlichkeit zuerst bekannt in einem Konzert bei der Leipziger Neujahrsmesse 1832. Am preußischen Hof fand es Verbreitung und Einzug in die Schulliederbücher und evangelischen Gesangbücher. Schon nach wenigen Jahrzehnten war es weltweit verbreitet.

„da uns schlägt die rettende Stund, Jesus, in deiner Geburt“ endet die zweite Strophe. Ja, es stimmt so: nicht „Christ, in deiner Geburt“, wie es in unseren Gesangbüchern steht. Der geistliche Fixpunkt des Liedes ist diese Zeile: In Jesu Geburt schlägt die Stunde der Rettung für uns alle. Jesus, der ganz Mensch ist, bringt die Rettung. Vor der Schlichtheit der ärmlichen Geburt verblasst die theologische Finesse: Erst später wurde verschlimmbessert. Geboren wurde Jesus, der Sohn der Maria. Die Geburt ist das Zeichen tiefster Menschlichkeit, die sich mit dem Namen des Kindes Jesus verbindet. Darauf weißt das Lied immer wieder hin.

Singen wir die 3. Strophe, die diese Absicht vertieft::
3. Stille Nacht, heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht, aus des Himmels goldenen Höhn
uns der Gnaden Fülle läßt sehn: Jesum in Menschengestalt.

1816 schrieb Joseph Mohr das Lied. Es war ein besonderes Friedensjahr: Als eine der letzten Folgen der napoleonischen Kriege war das Gebiet des früheren Fürsterzbistums Salzburg immer noch von fremden, bayrischen, Truppen besetzt. Und wie Besatzer führten die sich auf. 1816 endlich wurde der Münchener Friede geschlossen und die Soldaten zogen raubend und plündernd endlich ab. Ein Aufatmen ging durch das Land. Aber statt nun Resentiments gegen die Fremden zu schüren, ruft Moor zur Versöhnung und zur Brüderlichkeit. Diese Brüderlichkeit findet ihren Grund nicht in politischen Idealen oder strategischer Zweckmäßigkeit. Weil Jesus für die Menschen in aller Welt Bruder ist, weil darin die väterliche Liebe deutlich wird, darum sind die Völker der Welt in Jesus verbunden.

Wenn wir bedenken, wie oft sich nach 1816 trotzdem noch Menschen in Gottes Namen den Schädel eingeschlagen haben, gewinnt der Text traurige Aktualität. Und zugleich spüren wir, warum gerade die 4. Strophe kaum je abgedruckt und gesungen wurde.

Anders ging es da den Soldaten des 1. Weltkrieges: Es ist ja mehrfach berichtet, dass am Heiligen Abend in den Schützengräben der Westfront deutsche Soldaten dies Lied sangen, und plötzlich die Antwort kam: Briten in ihrem Schützengraben auf der anderen Seite stimmten ein, Dudelsäcke waren zu hören, „Silent Night, Holy Night”, ein kleiner geschmückte Baum wurde gezeigt – und ohne Befehl und Kommando, ohne jeden offiziellen Waffenstillstand, fanden sich Soldaten beider Seiten im sonst tödlichen Niemandsland zwischen den Fronten des Weltkrieges zum Weihnachtsfest zusammen.

Spannend ist der Text der 5. Strophe: Erinnern wir uns an einen Text aus dem 2. Buch Mose (32,11-14):

Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast?
Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, daß er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und laß dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.
Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte

All die Strafen, die angeblich über die Menschheit kommen von Gott dem Herrn – mit dem wahren Handeln Gottes haben sie wenig zu tun. Das Lied, daß von Gottes Liebe in der Menschwerdung Jesu singt, nimmt die Ängstlichen und Zweifelnden mit hinein in diese Liebe – denn Gott hat ihnen allen seine Liebe geschenkt. Wieder deutlich die Absage an den Mißbrauch Gottes für das Gegeneinander, für die Rache von Nation zu Nation. Und auch eine Strophe, die beim Zug des Liedes um die Welt gern ausgelassen wurde.

Singen wir die 4. und 5. Strophe

4. Stille Nacht, heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoß
und als Bruder huldvoll umschloß Jesus die Völker der Welt,

5. Stille Nacht, heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht, als der Herr, vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauer Zeit aller Welt Schonung verhieß,

Mußte das Lied gezähmt werden? Konnte es nur in einer bereinigten Form Verbreitung finden?

Durch die Auslassungen der Hälfte des Textes bleibt nur eine Idylle übrig, eine still verträumte Familienidylle.
Der völkerverbindende Impuls fiel weg, die vehemente Zusage der Gnade gottes wird zurückgedrängt, die Absage an den zornigen Gott gestrichen. Zusammen mit einigen Veränderungen an Melodie un Rythmus blieb das Lied, das wir kennen.

Und doch – auch so verbindet es längst die Völker der Welt, die Konfessionen und Traditionen. Ich freue mich, daß wir ein Lied haben, mit dem rund um den Erdball das Geheimnis der Menschwerdung Gottes besungen wird.

Immer wieder haben Machthaber, z.B. die Nazis, versucht, das Lied zu verdrängen. Um so stärker hielt es die Menschen im Glauben zusammen. Es verband Feinde in Schützengräben und führt auf japanisch und zulu, quetchua und englisch, deutsch und polnisch die Völker um die Krippe zusammen.

Uns ist mit diesem Lied ein Schatz gegeben, den wir lange nicht zu würdigen wussten. Vielleicht entdecken wir ihn auch bei uns langsam wieder.

Ganz erstaunlich ist aber, was im Laufe von noch nicht 200 Jahren aus diesem Lied geworden ist – immerhin dem verbreitetsten Lied der Christenheit weltweit.

Es ist das bekannteste christliche Lied weltweit, es verbindet Völker und Konfessionen. Schon von seiner Geschichte her ist es ein ökumenisches Lied.

Wir singen einmal das ganze Lied in seinem ursprünglichen Text.

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