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Rumpelstilzchen

Über das Märchen vom Rumpelstilzchen habe ich 2001 zur Vorstellung der Konfirmanden in der Martin-Luther-Kirche Detmold gepredigt:

Liebe Gemeinde,
zu Anfang meiner Predigt heute zur Vorstellung und Taufe unserer Konfirmanden möchte ich Ihnen ein Märchen erzählen. Früher kannte es jeder, heute ist das wohl anders.

Es war einmal ein Müller, so fängt es an, der war arm, hatte aber eine schöne Tochter. Er wollte beim König großtun und erzählte ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.” Das gefiel dem König. „Bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.”

Gesagt, getan: das Mädchen wurde am nächsten Tag ins Schloß gebracht. Der König führte es zu einem Strohhaufen und einem Spinnrad und sagte: „Mach dich an die Arbeit, morgen muß dieses Stroh alles zu Gold gesponnen sein, sonst mußt du sterben.” Das Mädchen war verzweifelt. Sie konnte natürlich kein Gold spinnen und fing an zu weinen.

Da stand auf einmal ein Männchen vor ihr und versprach Hilfe. Für das Halsband der Müllerstochter wollte er alles Stroh zu Gold spinnen. Das Mädchen nahm dankbar an und so passierte es. Als der König am Morgen das Stroh sah, wuchs seine Goldgier nur noch mehr. In der nächsten Nacht mußte das Mädchen noch Gold spinnen, das Männchen erschien wieder und spann alles Stroh zu Gold – diesmal für den Fingerring des Mädchens.

Natürlich war der König immer noch nicht zufrieden und ließ das Mädchen mit einen noch viel größeren Berg von Stroh einsperren. Wenn all das Gold geworden sei, dann wolle er das Mädchen heiraten.

Wieder erschien das Männchen, aber die Müllerstochter hatte nichts mehr anzubieten und war ganz verzweifelt. Da verlangte das Männchen einen anderen Preis: „Wenn ich dir all dieses Stroh zu Gold spinne und du den König heiratest, dann mußt du mir euer erstes Kind geben.” In ihrer Not stimmte das Mädchen zu und so geschah es.

Als die junge Königin nun ein Kind zur Welt brachte, erschien das Männchen wieder: „Nun gib mir, was du versprochen hast” sagte es. Die Königin bot dem Männchen alle denkbaren Schätze an, aber es lehnte ab. Bei all dem Jammern und Weinen der Königin sagte das Männchen: „Wenn du in drei Tagen meinen Namen weißt, dann sollst du das Kind behalten.”

Zwei Tage lang riet die Königin und dachte sich alle Namen aus, die sie je gehört hatte. Aber das Männchen, das abends immer erschien, lachte nur und antwortete immer „So heiß ich nicht”.

Einer der Königsboten kam nun am dritten Tag und hatte im Wald ein kleines Männchen gesehen, das hüpfte auf einem Bein und schrie:

„Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!”

Die Königin freute sich über die Nachricht und sagte dem Männchen abends auf den Kopf zu: „Du heißt Rumpelstilzchen!”.

Da schrie das Männchen laut auf, brüllte: „das hat dir der Teufel gesagt”, stieß mit dem Fuß ein metertiefes Loch in die Erde, riss sich selbst inzwei und verschwand.

Ob Königin und Kind noch heute leben, darüber sagen die Gebrüder Grimm nichts.

Das Märchen, daß die Gebrüder Grimm im letzten Jahrhundert aus alter Überlieferung aufschrieben, steht in einer uralten Tradition. Fast alle Völker kennen Sagen und Erzählungen von der Macht dessen, der den Namen eines anderen kennt. Das geht fast immer gleich aus: Der Name gibt Macht über den Namensträger.

Der Name – in vielen Kulturen ist er noch heute ein machtvolles Symbol. Hochgestellte dürfen Niedere Untertanen mit Namen nennen. Das drückt  Macht aus. Untertanen dagegen müssen Titel nennen, um den Oberen Respekt zu erweisen. „Erhabener”, heißt es dann, „Majestät” und „jawoll, Herr Oberst”. Wer den Namen sagt, hat damit ein Stück Macht – so denken selbst wir hier und heute.

Und wer Angst hat vor den Oberen, vor Mächtigen, vor finsteren Gewalten und gar Dämonen, der wird alles tun, ihnen nicht noch mehr Macht über sich zu geben. Das ist heute so und war in früheren Zeiten noch viel offensichtlicher. Ein Märchen hat da die Funktion eines Blitzableiters: Hier ist es einmal andersrum, der Mensch kriegt plötzlich Macht über den Dämon und weiß seinen Namen. Das tröstete diejenigen, die sich meist als Opfer erlebten.

So sehr sich Menschen erzählen von ihrer Angst, von ihrem Gedrückt-sein unter der Gewalt fremder, oft unfassbarer Macht – so sehr tragen uns doch Zusagen, daß es anders sein könnte mit unserem Leben.

Unser Predigttext steht bei Jesaja im 43. Kapitel:

So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, 4 weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bringe her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und geformt und gemacht habe.

Manche von uns werden diesen Text als ihren Taufspruch kennen. Er wurde damals am Beginn unseres Lebens oder doch zumindest am Beginn unseres Lebens in der Gemeinde Jesu Christi für uns ausgewählt als Zusage unserer Zugehörigkeit zu Gott.

Der hier spricht, ist nicht irgendwer und nicht einer unter vielen Mächten. Es spricht Gott, der uns erschaffen hat. Und er stellt sich sehr präzise vor im ersten Vers: „der Herr, der dich erschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel”. Und obwohl wir gewohnt sind, diesen Text als Taufspruch zu hören und ihn so mit jeweils einem einzelnen Menschen zu verbinden, sind hier nicht Einzelne sondern das ganze Volk Gottes angesprochen.
„Fürchte dich nicht” ruft Gott uns zu. Die Furcht ist erstmal vorausgesetzt. Damals ging dieser Ruf an diejenigen Israeliten, die im babylonischen Exil nicht wagten, in ihre Heimat zurückzukommen. Ängstliche und mutlose Menschen – so, wie wir selbst. Über die Furcht muß hier nicht gepredigt werden, die kennen wir alle nur zu gut.
„Fürchte dich nicht” spricht Gott und er sagt uns auch, warum nicht. Gleich dreifach formuliert er den Grund unserer Hoffnung:

„Ich habe dich erlöst” heißt es erst. Und das Erlösen ist zu alttestamentlichen Zeiten vor allem ein ganz und gar weltlicher Vorgang: Bei diesem Wort klingen Begriffe wie „freikaufen”, „auslösen”, „von Schulden befreien” mit.  Das geht so weit, daß der Prophet hier sogar den Preis nennt, den Gott für den Freikauf seines kleinen Volkes Israel zahlt: „Ich habe Völker für dich gegeben, weil du in meinen Augen so wert geachtet bist.” Das heißt dich zuerst einmal: So wichtig bist du mir, kleines Volk, daß alles andere auf der Welt da nicht zählt. Ich, Gott, gebe viel mehr für dich, als du dir vorstellen kannst.

Und als Christen hören wir Markus 10: „Denn der Menschensohn ist gekommen, daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld.” Was immer wir glauben, wie schwer der Grund unserer Furcht auch sein mag: Gott hat mehr als ganze Völker dafür hingegeben, er hat sich selbst gegeben um den Grund unserer Furcht und unserer Ängste auszulösen, um uns also mit anderen Worten aus der Macht des Bösen zu erlösen.

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen” ist der zweite Grund unserer Furchtlosigkeit. Die diesen Satz zuerst gehört haben, wußten noch um die Macht, die Menschen den Namen zuschreiben. Und diese Macht meint das Prophetenwort hier auch: Der uns bei unserem Namen ruft, meint damit uns mit allem, was uns ausmacht. Unser ganzes Sein. Als Gott uns gerufen hat, ist jeder andere Ruf kraftlos geworden. Hier ruft uns der bei unserem Namen, der uns geschaffen hat. Er ruft jeden einzelnen: das Kind, das mit diesem Taufspruch zum Glied unserer Gemeinde wird, jeden von uns hier in der Kirche und jeden Angehörigen des Volkes Gottes überhaupt.

Aber schon beim Propheten Jesaja spricht der Ruf „ich habe dich bei deinem Namen gerufen” das ganze Volk an. Und weil auch wir als Kirche Jesu Christi Volk Gottes sind, sind wir hier als Gemeinschaft gerufen. Das ist kein Ruf zum Individualismus, kein Ruf zu Vereinzelung, auch nicht im Bekenntnis zu Jesus Christus  – wen Gott bei seinem Namen ruft, den ruft er in die Gemeinschaft.

„Du bist mein” folgt daraus. Das Freikaufen, die Erlösung – das ist das Ende jeder anderen Macht über uns und unser Leben. Uns bei unserem Namen rufen – das tut Gott, weil er besser als jeder andere, besser als wir selbst uns kennt und weil er uns liebt, weil wir in seinen Augen „so wert geachtet” werden und „so herrlich” sind – obwohl wir das ja kaum glauben können. Wir sind erlöst und von Gott gerufen, das heißt: Wir sind seine Kinder, er ist bei uns und nichts kann uns von seiner Liebe trennen.

Weil der Prophet weiß, daß wir zu kleingläubig,  zu verschüchtert und zu sehr auf uns selbst konzentriert sind, um dieses Geschenk Gottes wirklich zu erfassen, sagt er uns, wie stark über all unser Vorstellungsvermögen Gott in seiner Liebe zu uns hinausgeht: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.”

Das soll heißen: Wem Gott selbst gesagt hat: fürchte dich nicht, und wem er gesagt hat: ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein, für den verlieren alle Bedrohungen ihre Bedeutung.

Der Prophet sagt diese Zusage Gottes den Juden in Babylon, daß sie Mut fassen und in das Land ihrer Vorfahren zurückkommen sollen. Für das Volk Israel war und ist diese Zusage eine tragende Verheißung – bis in unsere Zeit. Es waren gläubige Juden, die immer wieder in den Vernichtungslagern der Nazis den Gesang anstimmten: Sh’ema Israel…  „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein …”. Und trotz allem Schrecken, den das Volk Israel in unserem Jahrhundert erleben mußte, geht wieder der Ruf in alle Welt an Juden in allen Ländern: „So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln,  ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bringe her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde”. Und sie sind zu Millionen nach Israel gekommen, so, wie nach dem Exil in Babylon – nur das es statt zweier Generationen diesmal 1800 Jahre gedauert hatte, bis die Rückkehr möglich wurde.

Seit Gott Mensch geworden ist und seit Jesus Christus uns alle, Juden und Nichtjuden, befreit und erlöst hat, gilt uns allen der Ruf zum Aufbruch. Wir müssen nur hinhören: „Fürchte dich nicht!” ruft uns Gott zu. Gott ruft uns bei unserem Namen, und er ruft nicht nur all die, die gewohnt sind, bis hierhin zuzuhören. Er ruft alle bei ihrem Namen – Sebastian, Marianne, Patrick, Nina, Anna-Chantal, Arleen, Fabienne, Lisa, Jonas, Britta, Svenja, Benedikt, Franziska, Alexander, Florian, Tanja, Erik-Felix, Maik und Mona-Kathrin. Er ruft alle, egal, wer sie sind und wie sie in diese Kirche kommen.

Er ruft uns als die Gemeinschaft seiner Kinder, als sein Volk des neuen Bundes. Durch Wasser können wir mit ihm gehen und durch Feuer. Von Osten und Westen her sollen wir aufbrechen und Volk Gottes unterwegs sein. Unterwegs, um Gott zu lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Mut und unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Wagen wir den Aufbruch, denn trägt dieser Glaube weiter, als wir es uns jetzt vorstellen können.

Pfr.Dipl.theol. Hans Immanuel Herbers

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