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Pirat und Christ – geht das?

Die kirchenkritische Zeitschrift Publik-Forum  veröffentliche Anfang Mai ein Interview, dass ich hier unverändert wiedergebe. Der kursive Text stammt von der Redaktion:

Ein evangelischer Pfarrer engagiert sich bei den Piraten, obwohl diese Christen nicht mögen. Fragen an Hans Immanuel Herbers

Herr Herbers, Sie waren dreißig Jahre lang bei den Grünen politisch aktiv, seit 2009 sind Sie Mitglied der Piraten-Partei. Ist das eine Abkehr von alten Idealen?

Hans Immanuel Herbers: Ich sehe darin einen konsequenten Weg, weil für mich das Prinzip der Freiheits- und Bürgerrechte immer im Zentrum meines politischen Engagements stand.

Inzwischen sprechen Sie von »grüner Zwangsbeglückung«.

Herbers: Ja, das ist leider eine Richtung, in der die Grünen immer stärker gegangen sind. Man versucht das, was man für politisch gut, richtig und korrekt hält, mit obrigkeitsstaatlichen Mitteln durchzusetzen: Wo ein Problem ist, muss ein Gesetz her, das dieses Problem regelt und limitiert. Das ist obrigkeitsstaatliches Denken. Die Grünen fordern jetzt in Nordrhein-Westfalen flächendeckend Tempo 120. Haben sie das durchgesetzt, wird die Forderung nach Tempo 100 kommen und so weiter.

Sie sehen in den Piraten Vertreter eines liberalen Freiheitsverständnisses?

Herbers: Ja. Ein liberales Freiheitsverständnis prägt auch unser Grundgesetz. Das Grundgesetz ist der Versuch einer Abkehr vom altpreußischen Obrigkeitsstaat und eine Hinwendung zu traditionell westlichen Ideen von Freiheit und Liberalität.

Für viele liegt es durchaus in der Tradition eines liberalen Freiheitsverständnisses, wenn die Piraten sich für eine Trennung von Kirche und Staat aussprechen, die Privilegierung der Kirchen beenden wollen und den staatlichen Einzug der Kirchensteuer ablehnen. Teilen Sie als Pfarrer diese Positionen?

Herbers: Hier in Nordrhein-Westfalen, in Königswinter, wurde gerade eine sehr beliebte Kindergartenleiterin von der katholischen Kirche gefeuert, weil ihr deren Eheleben nicht mehr gefiel. Dieser Kindergarten hat den betreffenden Stadtteil allein versorgt. Er wurde aus öffentlichen Mitteln und Elternbeiträgen finanziert. Die Eltern und Mitarbeiterinnen standen voll hinter der Erzieherin. So war es konsequent, dass die Stadt Königswinter, der die Räume gehören, den Vertrag mit der katholischen Kirche jetzt gekündigt hat. Es kann doch nicht sein, dass in einer Gesellschaft, in der große Teile der Bevölkerung nicht mehr religiös gebunden sind, öffentliche Einrichtungen, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden, den Normen einer Kirche zu folgen haben.

Und wie sieht es mit der Kirchensteuer aus?

Herbers: Die Kirchensteuer ist für mich eigentlich kein Problem der Finanzerhebung, das könnten die Kirchen auch selber machen. Es geht um die Frage, wie weit sich der Staat in die persönlichen Belange der Bürger einmischen darf. Warum geht es den Staat etwas an, ob ein Bürger evangelisch, katholisch oder ein Muslim ist? Das geht ihn deswegen an, weil er die Kirchensteuer kassieren muss. Das ist nicht gut vereinbar mit einer »datensparsamen« Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen: Öffentliche Stellen sollten nur jene Daten der Bürger erheben, die sie wirklich wissen müssen. Was die Piraten aber am meisten ärgert, sind die Staatszahlungen an die Kirche. Kann es denn sein, dass Hunderte Millionen Euro vom Staat an die Kirchen direkt bezahlt werden für Gehälter von Bischöfen, Präsides, Prälaten und für Kirchenzentralen, nur weil 1804 Kirchenbesitz verstaatlicht wurde? Wer will denn so etwas in einer Demokratie noch vertreten? Das ist ein großes Ärgernis. Ich frage mich, warum die Kirchen hier nicht selbst ein Klärungsangebot machen.

Beim Nominierungsparteitag der NRW-Piraten sind Sie nicht wieder auf einen aussichtsreichen Listenplatz gewählt worden. Gibt es ein Misstrauen bei den Piraten gegenüber Kirchenvertretern?

Herbers: Zumindest waren die Fragen, die mir auf dem Parteitag gestellt wurden, überwiegend darauf bezogen. Daraus kann man schließen, dass diese Kirchenbindung für viele ein größeres Problem war. Es ist schon so, dass man einen sehr schweren Stand hat als aktiver und dafür bekannter Christ, weil in Teilen der Partei das Christsein für geradezu inkompatibel mit dem Piratsein gehalten wird. Nach dem Parteitag bekam ich eine Menge E-Mails aus anderen Landesverbänden von aktiven Christen, die mir schrieben, dass ihr Christsein ihnen einen schweren Stand in der Partei bereite.

Für Sie geht Christsein und Piratsein gut zusammen. Ihre Losung heißt: »creamus, ergo sumus«, zu deutsch: »Wir schaffen, also sind wir« – in Anspielung auf den berühmten Satz des Philosophen René Descartes »Cogito, ergo sum« – »Ich denke, also bin ich.«

Herbers: Die Frage, die sich mir stellt, lautet: Was konstituiert eigentlich sozialen Zusammenhang und Gemeinschaft im Zeitalter von Web 2.0? Meine Folgerung ist: »Wir erschaffen etwas gemeinsam, und darum sind wir.« Wir sind ein Wir, nicht nur ein Ich. Es entsteht etwas Gemeinschaftliches aus dem Fluss kreativen Tuns. Das ist es, was ich in der Piratenpartei, aber auch im Bereich von Online-Communities erlebe. Wo ein Ich zum Wir wird, erkenne ich eine neue Qualität – nicht kollektivistisch, sondern durch das Ineinandergreifen von Ideen und Vorstellungen von Einzelnen, die sich immer wieder neu zu etwas Gemeinschaftlichem zusammentun.

Das liberale Individuum wird in eine größere Gemeinschaft integriert?

Herbers: Ja, aber nicht in eine festgefügte Gemeinschaft. Die Antwort auf die Individualisierung der Industriegesellschaft war die Arbeiterbewegung, die dem Menschen eine festgefügte Kampfgemeinschaft anbot, die Menschen in Gut und Böse teilte und damit große Erfolge hatte. Heute gibt es die Möglichkeit, Gemeinschaft in immer neuen Formen zu suchen, ohne zu einer Einheitsgruppe kommen zu müssen. Gemeinschaft wird unter Beibehaltung der Individualität erfahren. Und genau das ermöglichen in der Tat die Gemeinschaftsformen des Internet.

Und was hat das mit Christsein zu tun?

Herbers: Christen stehen als Einzelne da – »Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen« -, sind aber zugleich an eine Gemeinschaft verwiesen; und zwar nicht nur an die Gemeinschaft der Glaubenden, sondern an die Gemeinschaft aller Menschen. Dabei wird die Verschiedenheit der Einzelnen nicht aufgehoben.

Hans Immanuel Herbers, geboren 1958, ist Pfarrer der Lippischen Landeskirche. Er war Mitbegründer des Landesverbands NRW der »Grünen«, seit 2009 ist er Mitglied der Piratenpartei. Er liebt online-Rollenspiele.

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