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Laden wir einen türkischen Minister ein – mit Begleitung: Literatur, Kunst, Küche – die neue Kultur der Weinerlichkeit 5 Gründe warum England die EU verlassen sollte Ein Arbeitskreis für IT Weiter geht’s – die Bürgermeisterwahl Zeitumstellung geht auf den Wecker. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ – eine Liedpredigt Am Ortlohn-Gelände: Gedenken an Coventry Datensicherheit und Windows XP Piraten verändern NRW von unten Iserlohn – na sauber! Damit der Terror draußen bleibt: Kaffee muss sein. Straßennamen und Kriegsverbrecher Sollten wir Straßen umbenennen? Freifunk in Iserlohn – eine Erfolgsgeschichte UWG und Piraten: Zusammenfinden Das Drama zur Errichtung der 2. Gesamtschule Das „Wir“ Das Ortlohn-Trauerspiel Swingerclubs regulieren? Vom Kreistag bevormunden lassen? Wohnraum schaffen – Auf der Emst Die Stadtteile besser vertreten Iserlohn kauft Karstadt Gemeinsame Fraktion im Iserlohner Rat UWG und Piraten – ein gutes Team im Iserlohner Rat Aufgestellt: 2014 für den Rat Indeed, isn’t it? Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher. Von Regionalräten, Ruhrparlament und Landschaftsversammlungen – eher ein FAQ Kommunalwahl in NRW – wie geht’s? Mobbing von oben – wie die Kirche unbequeme Pastoren los wird Kinder nach Konfession sortieren? Kirchen als Arbeitgeber – Schritte aus der Rechtlosigkeit 475 Millionen Staatsleistungen an die Kirchen – wie weiter? Geschlechterquotenwahlrecht und Demokratie Initiative „unsere Freie Stadt“ Eine erschreckende Debatte Beschneidung verbieten? „Mandatsträgerabgaben“ – Ein Weg aus der Finanzkrise der Piraten? Telefonieren für Stumme? Ein Hilferuf Mein Tabak Black Vanilla. Jugendgefährdend? „Es muss eine liberale Partei geben“ Piraten mit Schießübungen? Pirat und Christ – geht das? Freie Wahlen auch in Dortmund? Freiheit, Rauchen, Kiffen und Piraten Individuum, das Ich und das Wir – ergo sumus? Der Fischer und seine Frau Mein Bauch und die Gemeinde „Stille Nacht“ – Herkunft eines Weihnachtsliedes Auf welchem Wasser segeln die Piraten Ich bin ein Nachtelf Der Ring der Macht Herr der Ringe Dornröschen Harry Potter Rumpelstilzchen Körperwelten Christen, Juden, Jerusalem – eine Predigt „Ich steh an deiner Krippen hier“ – eine Liedpredigt Die Engel – eine Predigt zum Michaelistag

Literatur, Kunst, Küche – die neue Kultur der Weinerlichkeit

Im Januar 2016 ließen die Behörden in Rom Statuen nackter Männer aus der Antike verhüllen um Irans streng religiösen Präsidenten nicht empören. Die Empörung war weltweit zu Recht groß. Kunst ist Kunst und darf nicht zensiert oder verfälscht werden. Aber gilt das nur für Statuen? Ist Literatur keine Kunst? Pipi Langstrumpf jedenfalls wurde Opfer der wohlmeinenden, fürsorglichen Zensur:

Pipi Langstrumpf

© Oetinger Verlag

“Muss denn Pipis Vater wirklich ein Negerkönig sein?” Das fragt mich ein mitfühlender Mensch, der Kindern mit dunkler Haut den Schock ersparen möchte mit dem N-Wort konfrontiert zu werden. Muss er? Wäre ich der Autor und hätte das Buch dies Jahr geschrieben wäre es wohl kein Negerkönig. Er könnte auch Schiffskoch, Perlenfischer oder Zahnarzt sein. Der entscheidende Punkt aber ist: Ich habe das Buch nicht geschrieben und der besorgte Fragesteller auch nicht sondern Astrid Lindgren in Schweden im Jahre 1944.

Nun brachte der Oettinger-Verlag, der die deutschen Rechte hat, 2009 eine Überarbeitung auf den Markt. Und da gab es keinen Negerkönig mehr, nur noch den “Südseekönig”. Nebenbei gefragt: Ist das weniger kolonialistisch und rassistisch wenn man den Menschen in der Südsee so unterstellt sie bräuchten einen gestrandeten Schweden um sie zu beherrschen?

Gerd Buurmann schreibt in seinem Blog “Tapfer im Nirgendwo”:

“Dabei wird jedoch ganz außer Acht gelassen, dass es eine Figur in der Geschichte ist, die das Wort ‘Negerkönig’ benutzt. Pippi Langstrumpf nimmt das Wort in den Mund. An einer Stelle sagt sie: ‘Meine Mutter ist schon lange tot. Mein Vater ist ein Negerkönig. Eines Tages kommt er und holt mich. Dann werde ich eine Negerprinzessin. Heihopp, was wird das für ein Leben!’
An anderer Stelle wird Pippi Langstrumpf sogar noch deutlicher:
‘Wie kannst du überhaupt verlangen, dass ein kleines Kind mit einem Engel als Mutter und einem Negerkönig als Vater immer die Wahrheit sagen soll? Übrigens will ich euch verraten, dass es in Nicaragua keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen Tag.’
Das ist purer Rassismus! Es ist aber der Rassismus, der aus Pippi Langstrumpf spricht. Diesen Rassismus nun gegen den Willen der Autorin aus einer Figur ihrer Romane zu schneiden, ist so skandalös, als würde man verlangen, Jago in Shakespeares ‘Othello’ dürfe seinen General nicht mehr als ‘Mohr’ bezeichnen.”

Nikaragua? Nebenbei gesagt: Bei Astrid Lindgren war es der Kongo, der Verlag machte bei uns Nikaragua draus, später auch Kenia. Schon merkwürdig.

Warum sich Astrid Lindgren zu Lebzeiten immer gegen jede derartige Veränderung gewehrt hat? Auch das beschreibt Buurmann gut:

“Astrid Lindgren ist nämlich eine Autorin, die mehr zu bieten hat als schlichte schwarz-weiß Malerei. Astrid Lindgren hat deutlich komplexere Charaktere geschaffen, als manch eine Leserin wahr haben möchte. Ihre Figuren sind Menschen mit guten und schlechten Seiten, an denen man sich nicht nur reiben kann, sondern reiben muss. Pippi Langstrumpf ist neben all den bewunderswerten Eigenschaften, die sie besitzt, ein Mädchen mit Brüchen. Im Gegensatz zu einer anderen Romanfigur von Astrid Lindgren, nämlich Ronja Räubertochter, gelangt Pippi Langstrumpf nicht zu der Erkenntnis, dass ihr Vater, so sehr sie ihn auch liebt, auf mehr als unmoralische Art und Weise zu seinem Reichtum gelangt. “

Buurmann sieht Pipi Langstrumpf sogar als Metapher für Europa: Das Kind, dass nicht wahrhaben will dass sein Wohlstand – das tolle Haus, dass sie allein und ohne materielle Sorgen bewohnt – auf der Ausbeutung anderer beruhen müsse.
“Das sie diese Ungerechtigkeit nicht erkennen will und doch schon spürt, wird an dem letzten Satz klar, den sie im letzen Roman spricht: ‘Niemals will ich werden groß.’ Pippi Langstrumpf ist erst 9 Jahre alt und sie will es bleiben! Sie will ihre Privilegien genießen wie ein Kind, ohne erkennen zu müssen, aus welcher brutalen Ungerechtigkeit sie entstammen.”

Dass Astrid Lindgren mit Pipi Langstrumpf eine gebrochene Heldin schafft, die viele merkwürdige Vorstellungen hat, oft verantwortungslos handelt und voller Vururteile ist – das ist eben Teil ihres künstlerischen Werkes.

Was ist es anderes dies nun posthum glatt zu bügeln als ginge man hin und würde die Zeichnungen von Käte Kollwitz irgendwie “netter” umgestalten, damit niemand durch sie verstört wird?

 

Gut, man könnte nun sagen: Das ist der Oettinger-Verlag und Pipi Langstrumpf, ein Einzelfall. Aber dem ist nicht so.

Ginge es nach Ex-Familienministerin Kristina Schröder (CDU), dann wäre auch “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer” dran:

jim knopf

© Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart

“Kristina Schröder, im Interview mit der ZEIT gefragt, wie sie mit dem „kleinen Neger“ umgehen würde, der gleich zu Beginn in Michael Endes Roman Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer auftaucht, antwortet, sie würde daraus beim Vorlesen „ein Baby mit schwarzer Hautfarbe“ machen.“

Einmal kommt der Begriff “kleiner Neger” vor – Herr Ärmel lässt das Unwort fallen als das Paket mit Jim auf der Insel Lummerland ankommt. Geändert wurde die Passage bisher nicht.

kleine hexe

© Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart

Ganz anders bei der kleinen Hexe: Ottfried Preußler wurde kurz vor seinem Tod vom Thienemann-Verlag genötigt, seine Bücher ändern zu lassen. “Die kleine Hexe”wurde durch den Verlag von den Wörtern “Negerlein” und “Neger” gesäubert.

Manche argumentieren man müsse bei Kinderbüchern andere Maßstäbe anlegen, Kinder müssten doch auf den richtigen Weg des Denkens geführt werden. In gewisser Weise habe ich das auch immer getan. Ich habe etwa mit meinen Kindern “Struwelpeter” nie gelesen. Es gibt Bücher, die mag ich nicht, Gemälde und Statuen übrigens auch und Operetten sowieso nicht – aber kann ich deshalb verlangen, dass sie geändert werden? Ich tue das, was freie Menschen tun: Ich wähle aus, entscheide mich. Andere mögen anders auswählen. Auch beim Geschmack gilt der freie Markt.

Im Übrigen geht es beim Furor der korrekten Begriffe keineswegs nur um Kinderbücher: Axel Hacke, der über Mißverständnisse geschrieben hat, wurde durch einen Leser zu einem Buchtitel angeregt: “Der weiße Neger Wumbaba”:

“Ein Leser hatte mir erzählt, er habe Matthias Claudius’ berühmtes Abendlied Der Mond ist aufgegangen immer falsch verstanden. Statt »Der Wald steht schwarz und schweiget / und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar« habe er gehört: »…und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba«. (Später steuerte ein Münchner die Variante »Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba« bei.)”

Die Folge waren Demonstrationen, haßerfüllte Zuschriften, Forderungen nach Änderung des Buchtitels. Seine Verlegerin stand hinter ihm – vielleicht weil sie selber auf der “dunklen Seite” stand? Hacke berichtet nämlich weiter:

“Ende Dezember erhielt Antje Kunstmann, meine Verlegerin, übrigens einen Brief von »LesMigraS Lesbische Migrantinnen und Schwarze Lesben«. Sie habe, hieß es, zwei Bücher über Depression veröffentlicht, Mein schwarzer Hund und Mit dem schwarzen Hund leben . Es sei aber diskriminierend gegenüber schwarzen Menschen, »wenn die Farbe schwarz und Dunkelheit als Symbolfarben für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden«. Damit werde »Schwarzsein erneut mit negativen Aspekten verbunden und suggeriert, dass Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muss«.“ (Ach, dann werbe ich auch für dies Buch – hier kann man es kaufen .

Zunehmend reicht der Verdacht, es könne sich irgendwer in seinen Gefühlen verletzt fühlen, um jeden militanten Protest zu rechtfertigen, jede Zensur zu begründen.

Klaus Willberg war bis 2014 Chef des Thienemann Verlages: “In Preußlers Buch Die kleine Hexe verkleiden sich Kinder als Neger, Chinesenmädchen und Türke. Diese Begriffe sollen nach Willbergs Willen verschwinden: „Die Kinder werden sich als etwas anderes verkleiden.“ Ihre Auswahl schrumpft: Als Indianer, Zigeuner oder Eskimo können sie auch nicht gehen, das wäre diskriminierend, ein Dornröschen wäre sexistisch, ein Scheich islamfeindlich. Und Hexe geht ja schon lange nicht mehr.”

Die Empörung der reinen Gefühle beschränkt sich keineswegs auf Bücher.

Johann Strauß komponierte 1885 die Operette “Der Zigeunerbaron”. Ich bin nun kein Freund von Operetten und schon gar nicht von Johann Strauß, mein Geschmack eben. Aber etwas ganz anderes ist die Forderung, diese Operette wegen des angeblich rassistischen Titels zu verbieten, wie sie im “Netz gegen Nazis” von Franz Ferdinand (wie immer er/sie wirklich heißt) erhoben wurde.

Wann werden die berühmten “Zigeunerlieder” von Johannes Brahms von jeder Aufführung gesperrt um niemanden zu “verstören”?

Kultur geht durch den Magen dachten sich die Autor*/Innen von “cafebable.de” und rückten der europäischen Küche antirassistisch zu Laibe. Auf der Liste der gefühlsverletzenden Gerichte fanden sich neben Zigeunerschnitzel und französischen Gitanes-Zigaretten die spanischen “Brazo de gitano” (eine Gebäckrolle), polnische “Cycki murzynki” (wörtlich übersetzt: Negerbrüste, ein Dessert) bis zum italienischen “Carciofi alla giudia” (Artischocken auf jüdische Art, hier das Rezept ).

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© Simone.lippi licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Worum geht es eigentlich den Kämpfern für Bereinigung der Bücher, Kochrezepte und Operettenpartituren?

Der selbst erhobene Anspruch ist immer ein Doppelter:

Einerseits sollen Begriffe ausgemerzt werden, die falsche Denkweisen ausdrücken. Dadurch soll, so hofft man, sich auch die als ebenso falsch empfundene Realität hinter diesen Begriffen ändern.

Andererseits sollen Betroffene jeder Art geschützt werden, die verstört, verletzt oder beleidigt empfinden könnten wenn ihnen solche Begriffe begegnen.

Begriffe ändern – Realität ändern?

Der Sprachwissenschaftler Gero Fischer fragt 2014 in einer Publikation des Slawistikinstitutes der Uni Wien: “Wenn statt „Zigeuner“ – „Roma“ (übrigens unzureichender Begriff, er schließt Lovara, Sinti u.a. nicht mit ein), statt „Neger“ – „Schwarzafrikaner“, „Putzfrau“ – „Raumpflegerin“ etc. verwendet wird / werden soll – da drängt sich selbstverständlich die Frage auf, ob bzw. was sich durch die Änderung der sprachlichen Etiketten für das Leben der so Bezeichneten ändert. Oder geht es vielleicht doch eher nur um die Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens in der Form der political correctness?”

Das Bedürfnis, durch Zensur der Sprache die Realität zu verändern, scheint eine gerade in Deutschland tief verwurzelte Tradition zu sein. Zwei totalitäre Systeme versuchten auf diese Art den von ihnen angestrebten Neuen Menschen zu prägen.

Joseph Goebbels, frisch ernannter Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, drückte das 1933 so aus: “Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren”. (zit. nach W. Ranke: Propaganda. In: Enzyklopädie d. Nationalsozialismus. Hg. W. Benz u. a., München, 2. Aufl. 1998, S. 42.)

Ein Beispiel dafür war der Duden: “Vergleicht man die Duden-Auflagen vor 1933 mit den Auflagen von 1934 und 1941, so zeigt sich eine markant zunehmende Anzahl neu aufgenommener NS-Vokabeln. In der 11. Auflage von 1934 waren es 180 (wie z. B. Arbeitsfront, Arbeitslager, aufnorden, Deutscher Gruß, Deutsches Jungvolk) und in der 12. Auflage von 1941 bereits 883. Viele neue Einträge (wie etwa Rassenschande, Vierteljude, Volljude, Volksgenosse, Volksschädling) wurden bereits in der 1. Nachkriegsauflage von 1948 wieder getilgt. Andere Wörter wie vollelterig oder deutschvölkisch verschwanden erst in der 14. Auflage von 1957, Volksfremd und auswuchern (durch Wucher ausbeuten) erst in der 15. Auflage im Jahr 1961.“ (N)

Ziel war eine Einheitssprache, die mit den Begriffen auch die Interpretationsweisen festlegen und so abweichende Meinungen über deren Ausdrucksweisen diskreditieren sollte.

Vertiefende Eindrücke dazu gewinnt man durch Victor Klemperers zeitlos herausragendes Buch “LTI – Lingua Terii Imperii” über die Sprachmanipulation durch das Naziregime.

lti

© Reclam Verlag

Zum Teil nahtlos schlossen die deutschen Kommunisten ab 1945 in der sowjetischen Zone, dann der DDR an diese Bestrebungen an. Jeder wusste in der DDR, wie er sich auszudrücken hatte und was bei Begriffen mitschwang, die anderen ohne die lebenslange Beeinflussung der DDR-Volksbildung und Medien oft in ihrer vollen Bedeutung verschlossen blieben. “Objektiv richtig” und “fortschrittlich”, “negativ”, “asozial”, “arbeitsscheu”, “feindlich” oder “bürgerlich” – die Reihe der umgedeuteten Begriffe ist lang und vielen DDR-Bürgern fiel (und fällt bis heute) die damit verbundene subtile Manipulation kaum auf. Lieber amüsiert man sich über Absurditäten wie “Erdmöbel” (statt Sarg) oder “Jahresendflügelpuppe” (statt Engelfigur).

Ulrich Weißgerber veröffentliche 2010 seine Sammlung “Giftige Worte der SED-Diktatur: Sprache als Instrument von Machtausübung und Ausgrenzung in der SBZ und der DDR”. Sven Felix Kellerhoff schloss in der “Welt” seine Besprechung des Bandes so:

“In der Gesamtschau (…) erweist sich ein Satz von Dolf Sternberger (…) als wahr, den Weißgerber als Motto verwendet: ‘Worte und Sätze können ebenso Gärten wie Kerker sein, in die wir, redend, uns selbst einsperren.’ Nur wer das weiß und entsprechend sensibel mit Sprache umgeht, entgeht der Versuchung, für seine Ansicht mit Argumenten zu werben statt sie mit Wortmanipulation durchzusetzen.”

Damals wie heute gilt es sich gegen den Versuch zu wehren durch Zensur und Manipulation von Begriffen Denken zu prägen. Für Ansichten muss im pluralistischen Diskurs mit Argumenten geworben werden, muss überzeugt werden.

Zensur um der guten Sache willen ist ein Schritt ins Totalitäre. Wer für Freiheit eintritt kämpft gegen Zensur.

Gefühle schonen, Verstörung verhindern?

Mekonnen Mesghena ist Referent für “Migration & Diversity” (offenbar also für Zuwanderung und Vielfältigkeit) der Heinrich Böll Stiftung – der Stiftung der Grünen also. Mesghena stammt aus Eritrea, was für die weiteren Ereignisse von Belang ist. “Er war es, der den Thienemann Verlag durch einen „massiven, in der Sache aber korrekten Beschwerdebrief“, so Willberg, dazu bewog, die Kleine Hexe zu überarbeiten.” )

Im Gespräch mit der “Zeit” erzählt Mesghena, wie er dazu gekommen sein will: “Als er seiner Tochter aus der Kleinen Hexe vorlas, stieß er auf das Kapitel, in dem sich die Kinder verkleiden. ‘Ich geriet ins Stocken. Das hat sie gemerkt und gefragt: Was ist los? Ich habe gesagt: Das wimmelt nur so von rassistischen Ausdrücken. Für sie ist das kein Fremdwort. Sie weiß, dass ich mit dem Kindergarten gesprochen habe, damit das Wort Neger dort nicht mehr verwendet wird. Ich habe sofort an den Verlag geschrieben, dass ich die Ausdrücke rassistisch finde.’ “

Fürsorge also für seine Tochter, der er die Konfrontation mit einer Szene, in der Kinder sich zum Karneval auch als “Neger” verkleiden, ersparen will. Nicht etwa ein kindliches “verstört Sein” sondern väterliche Reflexion.

Man muss nun nicht alles kleinen Kindern vorlesen, ganz bestimmt nicht. Was ein Vater seiner Tochter vorliest sollte er sich gut überlegen und selbst verantworten. Aber bedeutet das, dass nicht gedruckt werden darf was ich meiner Tochter nicht vorlesen möchte?

Aber der Kern des Problems liegt tiefer. Glaubt etwa Herr Mesghena wirklich dass er seine Tochter vor bösen Kommentaren, gemeinen Bemerkungen, misgünstigen Menschen abschirmen könnte? Das Kind wird längst genug davon gehört haben und hoffentlich – trotz der behüterischen Allmachtsphantasie ihres Vaters – selbstbewusst und schlagfertig damit umgehen können. Das nämlich können Eltern ihren Kindern vermitteln: Selbstbewusst zu sein, fiese Kommentare nicht zu ernst zu nehmen, sich zu wehren.

Im Übrigen hat Ulrich Greiner völlig Recht, der in der “Zeit” schreibt:

“Die Annahme einer harmlosen Kinderseele, die vor schlimmen Wörtern zu bewahren sei, führt in die Irre. Vermutlich ist die gegenteilige Annahme richtig: dass die kindliche Seele keineswegs rein und unschuldig ist, sondern von früh an gesättigt mit Aggressivität – ein Wort, das man nur mit Vitalität übersetzen muss, um es weniger schrecklich zu finden. Der Aggressionstrieb findet etwa in den Märchen der Brüder Grimm das Feld, auf dem er sich unschädlich austoben darf. Die Märchen verstoßen gegen alle Regeln politischer Korrektheit. Es herrschen dort Mord und Totschlag, Mütter werden verbrannt und Söhne umgebracht. Das muss niemanden erschrecken, denn derlei ereignet sich im Kopf, passiert aber nicht wirklich.“

Und Erwachsene? Im angelsächsischen Raum wird vor Weihnachten schon der Wunsch “Merry Christmas”zunehmend verpönt. Ich konnte selber nur den Kopf schütteln als ich beim Einloggen in “Second Life” in der zweiten Dezemberhälfte “Seasonal Greetings” zugesprochen bekam. Der Grund: Die Erwähnung des Weihnachtsfestes könnte ja Muslime, Juden oder Atheisten verstören.

Die weinerliche Empfindlichkeit wird zum Kult hochgestylt. Jochen Buchsteiner berichtet in der FAZ aus England:

“Fast jeder Beitrag, den die Nachrichtensendungen der BBC aus ärmeren oder kriegsgeplagten Ländern zeigen, wird mit den Worten angekündigt: ‘Sie könnten einige dieser Bilder erschreckend finden.’ ”

“Zur jüngsten Mode ist geworden, Warnhinweise für verstörende Textstellen zu verlangen. Die Shakespeare-Expertin Katherine Rundell, die bis vor wenigen Jahren selber der linksbewegten Stundentenschaft Oxfords angehörte, sieht sich neuerdings in ihren Seminaren der Forderung nach ‘trigger warnings’ ausgesetzt. ‘Viele meiner Studenten wollen gewarnt werden, wenn eine Stelle naht, die irgendetwas in ihnen anrichten könnte’, sagt sie und nennt als Beispiel die Vergewaltigung Lavinias in Shakespeares‘ ’Titus Andronicus’. “

Tatsächlich geht es um eine spürbare Unsicherheit über Werte, eigene Standpunkte und eine tief sitzende Angst vor intellektuellen Herausforderungen. Kurz gesagt. Lieber Zensur und Denkverbote als kritischen Dialog, der von seiner Natur her den eigenen Standpunkt hinterfragen und herausfordern muss.

Im Zweifel findet sich für alles jemand, der tief betroffen, verstört und im Innersten getroffen ist – oder scheinen möchte.

Eine freie Gesellschaft braucht Kontroversen, kritischen Dialog, das Ringen um Standpunkte und eben nicht selbstverliebte Verstörheit und intellektuelle Feigheit. Freiheit braucht Selbstbewusstsein und Toleranz statt Weinerlichkeit und Zensur.

Kunst und darunter auch Literatur kann Dialog fördern und eine Kultur bereichern. Pures Gift aber ist für jede Kunst die Zensur.

Wohin führt Zensur?

Ray Bradbury schrieb 1955 den Roman “Fahrenheit 451″. Darin geht es um eine Gesellschaft, die Bücher berfolgt:

“Selbstständiges Denken ist in dieser Gesellschaft ein absolutes Tabu. Der allgemeinen Ansicht nach führe es nur dazu, dass die Menschen sich unsozial verhalten und die ganze Gesellschaft aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Um genau dieses selbstständige Denken zu vermeiden, wird die Gesellschaft pausenlos unterhalten. Als Hauptfeind der Gesellschaft werden Bücher, etwa Romane, Biographien und Gedichte, gesehen, da sie Gefühle im Menschen hervorrufen und ihn in einen traurigen Zustand versetzen können. Bücher werden daher von der ‘Feuerwehr’ gesucht und verbrannt.”

Schon 1949 warnte George Orwell in seinem Roman “1984″ vor der totalen Kontrollgesellschaft, in der die Sprache durch das “Neusprech” ersetzt werde. Verstörend war darin gar nichts mehr….

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