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Individuum, das Ich und das Wir – ergo sumus?

Warum ich diesen Blog „Ergo Sumus“ benannt habe? Folgen Sie mir auf einem kleinen Gedankengang durch die Jahrhunderte und das Denken unserer Kultur:

Für den Philosophen René Descartes war es die erste und wichtigste Gewissheit: „Cogito ergo sum” – „Ich denke, also bin ich”. Der denkende Einzelne sieht in seinem eigenen Denken die Grundlage seiner Existenz begründet.

Descartes

René Descartes, gemalt von Franz Hals (1649-1700), Public Domain – s.Link

1644 erläuterte er das so:


„Indem wir so alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; dass wir selbst weder Hände noch Fusse, überhaupt keinen Körper haben; aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: »Ich denke, also bin ich,« (Original lat.: cogito, ergo sum) von allen die erste und gewisseste, welche bei einem ordnungs-mäßigen Philosophiren hervortritt.“
 
Ob allerdings das in-sich-Denken des Individuums eine ausreichende Begründung und Erklärung des Seins ist, bezweifeln Kritiker immer schon. Interessant ist diese Frage, denn auf ihr beruht die Vorstellung vom bürgerlichen Individuum, die die westliche Zivilisation bis in die Moderne prägt
Schon 20 Jahre vor Descartes beschrieb der englische Dichter John Donne 1624 eine andere Position. Sein fast ebenso bekannter Satz „no man is an island, entire of itself”, den Ernest Hemmingway zum Motto seines Romans über Kameradschaft, Liebe und Krieg „Wem die Stunde schlägt” (1940) machte, liest sich im Zusammenhang so:
„No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend’s or of thine own were. Any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee…“

John Donne

John Donne gemalt von Isaac Oliver, Public Domain – s.Link

Übersetzt heisst das:
„Niemand ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands. Wenn ein Lehmkloß in das Meer fortgespült wird, so ist Europa weniger, gerade so als ob es ein Vorgebirge wäre, als ob es das Grundstück deines Freundes wäre oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn mich betrifft die Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; es gilt dir selbst.“

Immer wieder wird die individualistische Verankerung des Seins-Begriffes in der westlichen Aufklärung und Moderne auch in der Gegenwart kritisiert. Diese Verankerung ist zugleich tief verwurzelt im christlich-abendländischen Denken. Augustinus schreibt in seinem Werk „de civitate dei” (geschrieben etwa 420): „Si enim fallor, sum“ („Denn wenn ich mich täusche, bin ich“)

Auch hier also die Begründung des Seins im eigenen, individuellen Denken. In Bezug auf das Christentum stellt sich die Frage, ob dieser Inidividualismus auf den biblischen Wurzeln des Christentums oder auf seiner Übernahme durch die griechisch-römische Kultur beruht.

Der kongolesische Theologe Bénézet Bujo schreibt zu diesem individualistischen Menschenbild von christlichem Abendland und Moderne 1998:
“African ethics is like North American communitarianism in its emphasis on community, although (…) there are important differences between the two in the process by which norms are established. The concern that motivates communitarianism in its critique of the ‘unfettered self’ or of ‘atomism’ against liberalism is entirely in keeping with African ethics, which rejects the idea that being a human person and acting with responsibility is merely the result of having assented to rational principles, or arguing and thinking rationally. For Black Africa, it is not the Cartesian cogito ergo sum (”I think, therefore I am”) but an existential cognatus [cognitus] sum, ergo sumus (”I am known [relationally related], therefore we are”) that is decisive”
Da mir die deutsche Ausgabe nicht vorliegt, übersetze ich es selber:
„Afrikanische Ethik ist wie der nordamerikanische Kommunitarismus in seiner Betonung der Gemeinschaft, obwohl es (…) wichtige Unterschiede zwischen beiden gibt im Prozess in dem Normen festgelegt werden. Die Sorge, die den Kommunitarismus in seiner Kritik des „ungezügelten Selbst” oder des „Atomismus” gegenüber dem Liberalismus bewegt, entspricht völlig afrikanischer Ethik, die die Idee zurückweist nach der eine menschliche Person zu sein und verantwortungsvoll zu handeln allein das Ergebnis der Anwendung rationaler Prinzipien oder Diskussionen oder des rationalen Denkens sei. Für Schwarzafrika ist nicht das cartesianische cogito ergo sum („Ich denke, also bin ich”) bestimmend, sondern ein existenzielles cognatus [cognitus] sum, ergo sumus („Ich bin bekannt [in Beziehung also], darum sind wir”).” (Bénézet Bujo, Foundations of an African Ethic: Beyond the Universal Claims of Western Morality, selbst übersetzt)

afrikanisch

Es sieht so aus, als eröffneten sich in der Kultur der digitalen Vernetzung gerade auch in der westlichen Welt neue Formen des Miteinander. Spannend wird sein, ob dies zu einer Veränderung des individualistischen Anspruchs des „ergo sum” führt. Für den Bereich der Kunst und Ästhetik sieht die Heidelbergerin Christiane Heibach das bereits:
„Dieser „virtuelle Raum“ des Internet unterscheidet sich in vielem von den Räumen, in denen Kunst und Literatur sich bisher formuliert und formiert haben. Durch fehlende Abgrenzungen erlaubt dieser Raum die explizite Intertextualität in Form von Vernetzung mit anderen Dokumenten, gleichgültig welcher Provenienz. Eine Separierung des Kunstwerks von anderen Teilen des Netzes ist schon dadurch nicht möglich, daß – im Unterschied zum real life – Information über das Werk und das Werk selbst sich in demselben System befinden; die Struktur des Netzes verhindert Sozial-Systemtrennungen.
Aus dem Wegfall dieser Abgrenzungen resultiert eine für die Netzkunst und -literatur konstitutive Verknüpfung von Technik, Ästhetik und Sozialem, drei Ebenen, die Reinhold Grether treffend als Tech (die technische Programmier- und Prozeßebene) – Desk (die Bildschirmoberfläche, also die ästhetische Realisierung) – Soz (die Interaktion der Nutzer) charakterisiert hat.”
Sie formuliert daher im Sinne der Kreativität: „Creamus, ergo sumus” – „wir erschaffen, also sind wir”.

Mit diesem Konzept des vernetzten schöpferischen Gestaltens ist das Neue sicher treffender beschrieben, als im oft kolportierten Satz „dicimus, ergo sumus” – „wir reden [miteinander], also sind wir” – schwingt in Letzterem doch zu sehr die Stuhlkreismentalität des folgenlosen „gut dass wir mal darüber reden konnten” der 80er und 90er Jahre, die auch heute noch gern fröhliche Urstände feiert. (Und hier komme ich nicht drumrum einen ganz persönlichen Gruß an Rynja, die mich immer wieder auf derartigen Unsinn hinwies, unterzubringen.)
Das schöpferisch-künstlerische Miteinander, dass Heibach in ihrem Essay beschreibt, ist nur ein Teil des Neuen, das sich in der digital-sozialen Welt dessen, was gern als Web 2.0 bezeichnet wird, ereignet. Soziale Netzwerke wie  Facebook oder Google+, virtuelle Welten wie Second Life, spielerische Online Umgebungen der MMPORG und Chatnetzwerke wie ICQ, Yahoo oder MSN bis hin zur Einbeziehung von Sprache und Bild etwa bei Skype, Mumble oder VoIP bedeuten erst den Anfang einer Entwicklung, in der laufende und fliessende Prozesse der Entwicklung von Ideen und Projekten eine neue Form des Miteinander-Gestaltens eine Form der Community, der Gemeinschaft, möglich machen, die es vor dem digitalen Zeitalter nicht gab.

War es in der Welt des Feudalismus der Stand des Menschen als Adliger, Leibeigener, Städter oder Gildenangehöriger, der seinen Platz in der Gemeinschaft zwingend bestimmte, so wurde es in der bürgerlichen Welt der Moderne in der Theorie Leistung, Fähigkeit und eigenes Tun, in der Praxis nur zu oft Geld und die Eingebundenheit in soziale Klasse und Schicht.

In der Welt des digital-sozialen Zeitalters könnten dagegen eigene Kreativität, Beziehungsfähigkeit und Gemeinschaftsfähigkeit zu neuen Formen der Verortung des Menschen im Prozess kommunitären Gestaltens führen.
Begründet oder zumindest erleichtert nun die Kommunikationswelt der interaktiven sozialen Netzwerke eine neue Form des Seins der Gemeinschaft? Entsteht eine neue Kultur der Einbeziehung und Einbindung des Menschen in soziale Netzwerke einer globalen und sozialen Kommunikationswelt?

Es wäre schlimm, nur vor negativen Möglichkeiten zu warnen – wobei niemand die Gefahren, die in der digitalen Vernetzung liegen, übersehen oder bagatellisieren sollte. Wie in jeder neuen gesellschaftlichen Entwicklung gibt es auch hier Gefahren, Misbrauch und all die bösen Seiten, die der Mensch (auch der im Staat Verantwortliche!) nun einmal hat. Doch lassen sich auch diese Dinge nicht von außen begreifen und bekämpfen, sondern nur innerhalb des Denkens und Kommunizierens der digital-sozialen Welten.

Das gilt gar nicht zuerst für die „üblichen Verdächtigen“ im Bereich des „bösen“ Internet. Zu den Gefahren gehört auch der ungebundene Schwarm – dann wenn er notgedrungen Assoziationen zum „gesunden Volksempfinden“ (s. auch Matthias Matussek im „Spiegel“ vom 6. Juni 2012, noch nicht kostenfrei online lesbar) weckt. Auf diese Frage werde ich noch gesondert eingehen.

In Politik und Kultur (ja, auch Kirche) unseres Landes sind diese Entwicklungen noch kaum angekommen – kein Wunder bei Strukturen, in denen die Entscheidungsträger sich als medial kompetent ansehen, wenn sie in der Lage sind, im Web zu lesen (etwa diesen Text) und ihre eMails selber zu öffnen. Dass sich bei solcher Betrachtung von außen nur unheimliche Gefahren zeigen, die sich in der Regel in Verbots- und Kontrollplänen erschöpfen, kann nicht überraschen. Ähnlich ging es Generationen früher privaten Clubs und Gesprächskreisen der bürgerlichen Aufklärung („Stätten des Aufruhrs!”), dem Zeitunglesen und der Pressefreiheit („gefährlich, weil staatsfeindlich!”), dem Fernsehn („verdummend!”) und der Rock Musik („verrohend und zu sexuell”). Nicht qualifizierter verlaufen meist kirchliche und politische Gesprächsrunden zu Online Kommunikation und ihren Chancen.

In der Politik und den Medien erzwingt sich die Generation des Web 2.0 Gehör auf ganz klassischem Weg. Einerseits spüren kommerziell Verantwortliche der Musik- und Kulturindustrie, dass sie neue Wege des Teilens von Kultur und Wissen finden müssen, andererseits lehrt die Piratenpartei die Politik, dass demokratische Mittel auch andere Wege gehen können als die des Wahlplakates und der hohlen Fernsehrede.

wolke p

© Piratenpartei Deutschland

Möglicherweise wird das „Creamus ergo sumus” so zu einem „Communicamus ergo sumus”. Es lohnt in jedem Fall, diesen Prozess mit Kreativität, Phantasie und Spaß mitzugehen.

… ergo sumus!

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