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„Ich steh an deiner Krippen hier“ – eine Liedpredigt

Zu Weihnachten 1996 habe ich in der Paul-Gerhardt-Kirche in Leipzig-Connewitz über Paul Gerhardts herrliches Weihnachtslied gepredigt. Hier der Text dieser Liedpredigt:

1 Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und laß dirs wohlgefallen.

2 Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist ein Fest, daß uns auf merkwürdige Weise sehr persönlich anspricht. Merkwürdig sage ich, weil Weihnachten so vieles anders ist, als an anderen Festen.

Weihnachten ist ein Anfang. Ein Anfang, den Gott mit einem kleinen Kind in der Krippe gesetzt hat, ein Anfang, der jeden von uns einzeln betrifft. Weihnachten ist das Fest, daß Sie und mich jeweils einzeln mit Gott verbindet.
Wir haben gerade die ersten Strophen des Liedes „Ich steh an deiner Krippen hier” gesungen. Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu:
„Es gibt neben dem Wir noch ein Ich und Christus, und was das bedeutet, kann gar nicht besser gesagt werden als in diesem Lied.”

Dieser gesungenen Weihnachtspredigt von Paul Gerhardt und Johann Sebastian Bach möchte ich am heutigen Weihnachtstag mit Ihnen zuhören, es singend aufnehmen und die Gedanken daran entlang gehen lassen. Am besten lassen Sie es aufgeschlagen vor sich liegen, das Lied 37, und lesen sie mit. Wahrscheinlich kommen Ihnen noch ganz andere Gedanken als mir.

Gestern abend haben wir sie wahrscheinlich alle angesehen: die Weihnachtskrippen bei uns zuhause. Am Heiligen Abend stehen wir an der Krippe, wie die Hirten, die kamen, um das Wunder zu sehen. Das Wunder, das ist nichts gewaltiges, umwerfendes, das großartig und medienwirksam daherkommt. Es liegt als Kind in der Krippe, wir bestaunen es als Erwachsene.

Das Wunder der Krippe ist kaum vorstellbar. In diesem Kind hat Gott nicht einfach einen Menschen angenommen, zu seinem Kind gemacht. Indem Gott selbst zum Menschenkind wurde, ging er den Weg zu jedem von uns. Das ist so viel, daß unser Lied singen kann:
„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben”

Ein Neugeborenes ist immer eine ungeheure Veränderung für Eltern und Familien. Mit einem Neugeborenen tritt ein ganz neuer Mensch ins Leben. Was das heißt, können wir kaum mit genügend Staunen beschreiben. Es ist eben nicht Teil von uns, das Kind, es ist ein eigener Mensch mit dem ganzen Universum von Gefühlen, Gedanken, mit ganzer Seele und ganzem Körper.
Aber vor unseren Kindern waren wir selbst da. Obwohl Kinder sich das kaum vorstellen können, daß es eine Zeit ohne sie gab, wissen wir als Erwachsene es nur zu gut. Auch wenn wir Kinder oft nicht wieder loslassen können, hatten wir doch unser Leben schon vor ihnen.

Mit diesem Kind in der Krippe ist das alles anders. Schon das, was ich diesem Kind schenken kann, ist nur Antwort und kommt nicht von mir:
„Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und laß dirs wohlgefallen.”
„Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.” heißt es in der ersten Strophe. „

”Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.”

Paul Gerhardt bringt hier einen der wichtigsten Gedanken des Weihnachtsfestes auf den Punkt. Einen Gedanken, der alles sagt über das Kommen Gottes zu uns: Gott hat nicht etwa bedacht, wir ich sein Eigentum werden kann. Er hat mich ja geschaffen, so, wie ich bin, mit all meinen Fehlern und Schwächen. Und Gott hat mich losgelassen, hat mir meinen eigenen freien Willen gegeben und hat erleben müssen, wie ich mich von ihm entfernt habe. Unendlich oft hat er es erlebt – und er hat doch immer wieder gesagt: Ich bin bei dir. Was immer du tust. Wie immer du versagst. Ich verlasse dich nicht. Aber Gott will mich nicht als willenloses Werkzeug, er will nicht in einem Sinne, der Fremdbestimmung meint, daß ich sein Eigentum werde.

Gott will mein Leben sein. Er tritt mir nicht von oben herab gegenüber, wie ich es mir von einem großen und allmächtigen Gott vorstellen könnte. Er will mein eigen werden. Das heißt doch: Er meint mich. So, wie ich bin. So, wie er mich kennt. So kommt er Weihnachten als Mensch zu uns und will mein eigen sein.
Was mir dieser Vers vor allem sagen soll: Vor all meinen Entscheidungen hat Gott Ja zu mir gesagt. Das ist es, was wir in der Taufe kleiner Kinder ausdrücken: Zu dir, Mensch, hat Gott Ja gesagt, bevor du geboren warst. Gottes Segen ist mit dir, von allem Anfang an. Dagegen ist alles andere zweitrangig, alles, was ich tue und entscheide, wenn ich älter werde und angeblich reif, selbst zu wissen, was gut für mich ist, all das kann nur noch hinter dem zurückbleiben, was Gott mir schon vor meiner Geburt geschenkt hat.

Deutlich wird uns das erst richtig, wenn wir die Alternativen betrachten:

Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Depression, das alles kennen wir. Viele von uns nur zu gut. Da hilft kein Nicht-dran-denken, da hilft kein Kopf-hoch-Augen-zu-und-durch. In den Todesnächten, in die wir immer wieder geraten längst ehe wir unserem Tod wirklich nahe sind, kann uns am Ende nur das Wissen helfen: Es gibt eine andere Wirklichkeit. Es gibt sie wirklich und das ist eine Wirklichkeit, die uns hier und heute trägt.

Oft genug gibt uns die Natur, Gottes Schöpfung, Kraft und Lebensmut. Das weiß jeder, der Wälder liebt, Flußlandschaften und das Hügelland, der im Garten aufblüht wie seine Blumen oder der ein Tier pflegt und liebt.
Gottes wunderbare Schöpfung ist auch eines der liebsten Themen Paul Gerhardts gewesen – denken wir nur an das wunderbare Sommerlied „Geh aus, mein Herz und suche Freud”. Der Mann, der solche Lieder gedichtet hat, liebte die Natur und freute sich über jedes noch so kleine Stück der Schöpfung.

Und zugleich war Paul Gerhardt von dem Wissen geprägt, daß alles Schöne dieser Welt ein schwaches Abbild der Herrlichkeit in Gottes Reich ist. „Ach, denk ich, bist du hier so schön und läßt du’s uns so lieblich gehn auf dieser armen Erden: was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden!” dichtet er in seinem Sommerlied.

Die Sonne, die auch dann Kraft und Leben schenkt, wenn wir sie nicht sehen, ist nur ein schwaches Abbild für die Strahlen der Wirklichkeit Gottes. Von der Krippe gehen sie aus und leuchten überall, wo wir ihnen nicht den Weg versperren. Sie bringen „Licht, Leben, Freud und Wonne”.

Aber auf die Frage, wie Gott das bewirkt, wie genau er uns Kraft und Leben gibt, antwortet Paul Gerhardt so, wie es die Psalmbeter schon 2000 Jahre vor ihm taten: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O daß mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, daß ich dich möchte fassen!”

Wir hören die Strophen 3 bis 5 unseres Liedes.

3 Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!

4 Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O daß mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,
daß ich dich möchte fassen!

5 Wann oft mein Herz vor Kummer weint und keinen Trost kann finden,
rufst du mir zu: „Ich bin dein Freund, ein Tilger deiner Sünden.
Was trauerst du, o Bruder mein? Du sollst ja guter Dinge sein,
ich sühne deine Schulden.”

Was können wir für Gott tun? Untereinander kennen wir das doch. Da gibt es, im besten Sinne, Gegenseitigkeit. Besuch und Gegenbesuch, Brief und Antwort, wir revanchieren uns freundschaftlich. Da lassen wir uns nicht lumpen.

Mit Gott ist das nicht so einfach. Da ist Gott Mensch geworden. Abgeschoben in einer Notunterkunft liegt er als Kind im Futtertrog, die Eltern unerwünschte Fremde, die so bald wie möglich wieder verschwinden mögen.

„Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, Samt, Seide, Purpur wären recht, dies Kindlein drauf zu legen.” Eigentlich hat doch dieses Kind das Beste von allem verdient – das schönste vom Schönen: „Violen; mit Rosen, Nelken, Rosmarin aus schönen Gärten will ich ihn von oben her bestreuen.”

Und so bauen wir Paläste zum Lobe Gottes wie jetzt die Frauenkirche in Dresden, für die in ganz Deutschland gesammelt wird. Oder wir lassen Gottes Haus, unsere Kirchen, wenigstens jetzt prächtig sein, wenn er schon zu Lebzeiten im Elend zur Welt kam.

Aber das Bild Gottes, der Mensch wird, bleibt doch ein schlichtes Bild: Ein fremdes Paar in einem Stall, ein Kind im Futtertrog, Vieh drum herum, Stroh. So sehen wir dieses Bild jetzt unendlich oft auf dem Marktplatz, hier in der Kirche und zuhause. Trotz Kathedralen und bunten Glasfenstern – Jesus wohnt im einfachen Stall.

Paul Gerhard läßt uns an diesem Widerspruch anhalten – der einfachen, ärmlichen Krippe und unserem Drang nach Schönem. Wer hätte es denn verdient, wenn nicht Gott selbst, daß er von Blumen umgeben, in Schönheit aufwächst und alle Pracht und Herrlichkeit genießt, die wir Menschen bieten können?

Aber Jesus gehörte eben nicht zu den Schönen und reichen. Maria war nicht die Königin von England, Josef nicht der Sulatn von Brunei und Jesus nicht ein Prinz aus dem Emirat Dubai. Und so schön das Bild auch wäre, all die liebevoll gestylte Umgebung, in der wir Gott so gern hätten Mensch werden lassen – es war anders. Jesus wa reben auch keine verfrühte Lady Diana – so wie bei seinem Tode auch niemand „Goodbye Englands Rose“ gesungen hat, sondern das Geschrei der Menge „kreuziget ihn“ gerade verklungen war.

Wir singen die Strophen 6 und 7.
6 O daß doch so ein lieber Stern soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, Samt, Seide, Purpur wären recht,
dies Kindlein drauf zu legen.

7 Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu! Ich will mir Blumen holen,
daß meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin aus schönen Gärten will ich ihn
von oben her bestreuen.

Jesus sucht nicht nach alledem. Trotzdem kann ich mit meinen bescheidenen Mitteln Jesus etwas geben, das er gerne annimmt.

In einer ursprünglichen Schlußstrophe unseres Liedes, die nicht im Gesangbuch abgedruckt ist, heißt es:
„Zwar sollt ich denken, wie gering ich dich bewirten werde; du bist der Schöpfer aller Ding, ich bin nur Staub und Erde. Doch bist du ein so frommer Gast, daß du noch nie verschmähet hast den, der dich gerne siehet.”

Das ist viel: Jesus gerne sehen, ihn aufnehmen in mein Leben. Nicht nur Weihnachten offen sein für ihn. Und das hat Folgen für mein Leben, die über unverbindliche Weihnachtsgrüße an andere hinausgehen. Jesus ist gerade dann bei uns zuhause, wenn wir für andere da sind. Wenn wir Hungrigen zu essen geben, Durstigen zu trinken, Fremden – sogar Ausländern – Heimat, wenn wir Kranke besuchen und Gefangene nicht vergessen. Und er ist auch dann bei uns zuhause, wenn wir bei alledem gar nicht wissen, daß er es ist, der uns gegenübersteht.

„Daß ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen” ist Paul Gerhardts Wunsch, der übrigbleibt nach der Betrachtung der Krippe, nach all dem, was Jesus für uns getan hat, was der geworden ist, der als Kind in der Krippe lag. „So laß mich doch dein Kripplein sein” heißt in fast kindlicher Einfachheit das Ergebnis seiner Betrachtung. Laß mich dich aufnehmen, Jesus Christus, sei du bei mir, dann haben Todesnacht und Angst, Sünden und meine Schwächen keine Bedeutung mehr.

Was Paul Gerhardt 1653 gedichtet hat, fünf Jahre nach dem Ende des schrecklichsten aller Kriege, die man bis dahin erlebt hatte und was Johann Sebastian Bach 1736 vertont hat, daß kann uns ein Begleiter sein trotz seiner oft ungewöhnlichen Bildwelt. Paul Gerhardt, der ein bodenständiger und realistischer Mann war, geriet an der Krippe ins Schwärmen. Tun wir es ihm heute, Weihnachten, ein Stückchen nach.

Wir hören die letzten beiden Strophen unseres Liedes.

8 Du fragest nicht nach Lust der Welt noch nach des Leibes Freuden;
du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden,
suchst meiner Seelen Herrlichkeit durch Elend und Armseligkeit;
das will ich dir nicht wehren.

9 Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen:
Daß ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.
So laß mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

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