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Ich bin ein Nachtelf

In der Martin-Luther-Kirche Detmold habe ich zur Konfirmation 2006 eine Predigt gehalten, in der ich mich als „World of Warcraft“ Spieler geoutet habe:

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
was ich immer schon mal sagen wollte: ich bin ein Nachtelf. Nachtelfen, das sind menschenähnliche, großgewachsene Gestalten mit sehr langen Ohren, die verbunden mit der Natur leben – meist in Wäldern und Hainen.

So ein Nachtelf bin ich. Ein gut ausgebildeter Heiler, den andere gern mitnehmen dorthin wo Gefahr droht.
Was, ihr guckt verwundert nach meinen Ohren? Klar seht ihr keine Elfenohren! Und wenn ihr euch gleich verletzt beim Versuch aus der Bank zu kommen kann ich auch keinen Heilzauber wirken, hier jedenfalls nicht. Wenn wir uns natürlich in Azeroth oder Kalimdor begegnen sollten…..

Na gut, es kennen nicht alle die Elfen. Obwohl – viele hier haben sie im Film gesehen: Der Herr der Ringe. Da kommen sie vor – der stolze Kämpfer Legolas und die schönste aller Elben, Galadriel. Wobei ich das ja erst als Romantrilogie verschlungen habe. Verschlungen? Nun… sagen wir: ich bin darin eingetaucht, ich lebte eine zeitlang immer wieder in dieser fantastischen Romanwelt. Das ist nun viele Jahre her, aber ich erinnere mich noch genau daran wie ich mich gefühlt habe als Galadriel den Ring aus Frodos Hand ausgeschlagen hat, oder als die Reiter von Rohan aufbrachen zum Kampf um Gondor. Daher jedenfalls kannte ich die Elfen. Geheimnisvoll und ein wenig erhaben über die Dinge der Menschen teilen sie dort dieselbe Welt.

Dies Eintauchen in andere Welten, andere Geschichten – das hat von jeher den Reiz guter Literatur ausgemacht. Und da liegt auch das Wunderbare daran: Wir sind eine zeitlang jemand anderes – der Ich-Erzähler, der Held oder eine Randfigur im Buch, die uns besonders anspricht. Im Film ist das so für 2 Stunden, im Roman für länger – wenn er nicht zu kurz ist.

Und was hat das damit zu tun dass ich sagte dass ich Nachtelf bin? Das ist eine weitere Art in Geschichten einzutauchen. Geschichten, die ich sogar mitgestalte. Es ist eine bunte und lebendige Bildwelt, etwa so wie in einem gut gezeichneten Trickfilm – und die sind heute sehr realistisch in ihren Bildern! Und in dieser Welt bewegen sich Tausende Menschen, Nachtelfen, Zwerge, Orks, Tauren – und wie sie alle heißen. Sie haben ihre Städte und Länder, bewegen sich dort und woanders, verbünden und bekämpfen sich, handeln miteinander und freunden sich an oder gehen gemeinsam auf Abenteuersuche. Online-Rollenspiele werden heute von Millionen Menschen gespielt – und obwohl es schwerpunktmäßig Jüngere sind ist doch eigentlich jede Altersgruppe vertreten.

Man entscheidet sich aus einer Vielzahl von Möglichkeiten für eine Rolle, gestaltet die aus, so wie man selbst möchte, und begegnet den Rollen-Figuren ungezählter anderer. Viele von Euch Konfirmanden kennen ja den Reiz dieser Spiele, und ich bin mir sicher es gibt hier heute in der Kirche außer mir noch manchen anderen, der gern mal auf so eine Art in eine andere Rolle schlüpft.

Ich finde das gut, ich denke das ist etwas, dass uns auch uns selbst auf neue Art erleben lässt – wie ein spannendes Buch und ein wirklich guter Film.

Eigentlich ist das nichts Neues – dass wir uns über gewisse Zeiten in andere Rollen hineinversetzen. Nur dass die Art dies zu tun unterschiedliches Ansehen genießt: Versinke ich in packenden Büchern, dann bin ich ein hochangesehener aber etwas belächelter Bücherwurm. Tauche ich ein in die Welten der Rollenspieler, dann halten mich gerade die am wenigsten davon verstehen für einen abgedrehten Computerfreak.

Doch wie gesagt: das dahinter stehende Bedürfnis ist dasselbe. Und es passt nur zu gut mit unserer übrigen Lebenswelt zusammen. Wir sind eben nicht einfach nur eine gradlinige, einfach zu durchschauende Persönlichkeit.  Hinter dem, was wir vom anderen sehen, steht eine Menge an unsichtbaren Möglichkeiten und Potentialen. Viele davon werden immer verborgen bleiben. Andere erkunden wir in den Welten unserer Fantasien und der Literatur, in Filmen oder eben Rollenspielen. Und wieder andere leben wir parallel – oder glauben eure Eltern, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, wirklich, dass sie euch vollständig so kennen wie ihr vor gleichaltrigen Freunden seid? Wie ihr in ganz anderer Umgebung seid? Da ist immer Neues zu entdecken beim anderen Menschen.

In der Schule, im Freundeskreis, zuhause – ihr seid so vielfältige Menschen wie eure Eltern auch. Nur dass dort anstelle der Schule die Arbeit stehen könnte.

Und wir selbst? Kennen wir uns denn wirklich? Doch auch immer nur ein Stück weit. So ist das Erwachsen-Werden für euch eine Reise zu euch selbst – und glaubt mir, die hört damit noch lange nicht auf.

Für die ganze Person stand in alter Zeit der Name. Man schrieb ihm fast magische Wirkung zu. Wer den Namen nannte, berührte damit die Person – daher die Sucht nach Titeln die den Namen verbergen.

Ihr werdet heute beim Namen gerufen. Einer nach dem anderen werdet ihr nach vorne kommen und gesegnet werden. Und zwar diejenige, die ihr zuhause seid, und die, die ihr bei Freunden seid, und in der Schule … und in euren Träumen und Idealen und auch die, die ihr gern spielt – vor anderen oder selbst im Rollenspiel. Eben eure ganze Persönlichkeit, alles was in euch steckt. Mit all dem steht ihr vor Gott und werdet von ihm angesprochen.

Gott ruft euch bei eurem Namen – so steht es beim Propheten Jesaja im 43. Kapitel:

So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn  du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und  wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

 

Welchen Namen ihr euch auch gebt – so wie ich meinen Nachtelfen-Heiler ja benannt habe, alle Namen sind in dem einen enthalten mit dem Gott euch ruft. Und ihr könnt antworten. Heute hier mit dem Bekenntnis eurer Konfirmation und mehr noch durch euer ganzes Leben.

Ihr werdet weiter suchen und euch weiter ganz unterschiedlich erleben. Ihr werdet euch immer wieder neu kennenlernen, in allen Rollen die ihr am Ende selbst seid.

Und Gott ruft euch weiter – in welcher eurer Rollen auch immer. Ich freue mich auf eure Antworten! Noch mehr als ich aber wartet Gott auf eure Antwort, heute und jeden Tag.

Predigt zur Konfirmation 2006, Martin-Luther-Kirche Detmold

Dipl.theol. Hans Immanuel Herbers

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