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Dornröschen

Warum nicht auch über ein Märchen predigen? Hier meine Konfirmationspredigt 2002 in der Martin-Luther-Kirche Detmold:

Fangen wir doch einmal so an:

Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keines. …

So fängt eines der bekanntesten Märchen an. Das geht dann so weiter: Die Königin badet eines Tages, da kriecht ein Frosch vom Wasser ans Land und sagt ihr, dass ihr Wunsch erfüllt würde. Und wirklich, die Königin gebar ein wunderschönes Mädchen und, wie es im Text der Gebrüder Grimm heißt: der König wußte vor Freude sich nicht zu lassen und lud zu einem großen Fest ein.

Er lädt auch die weisen Frauen ein, damit sie dem Kind gut gesonnen wären. 13 davon gab es, aber er konnte nur 12 einladen – und eine war sehr verärgert. Als dann die weisen Frauen nacheinander dem Kind ihre Wundergaben schenkten, schlich sich die 13. nach der 11. in die Reihe und verfluchte das Kind böse: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Sprachs und ging wortlos hinaus. Lähmendes Entsetzen. Die letzte der Frauen konnte den Fluch nicht aufheben, nur abmildern: Es sollte nicht der Tod sein, sondern nur ein hundertjähriger Schlaf, in den die Königstochter fallen sollte.

Der König lässt sofort alle Spinnräder und Spindeln verbrennen. Aber die böse Frau kommt doch zum Ziel: Eines Tages, als das Mädchen 15 geworden war, sitzt sie selbst mit ihrem Spinnrad im Turm. Das Mädchen hat sowas noch nie gesehen, wird neugierig und will es auch mal versuchen. Damit ist sie in der Falle: die Spindel sticht sie – und sofort fällt sie in einen hundertjährigen Schlaf; und mit ihr das Schloss und alle Menschen darin. Rundherum wächst eine so hohe Dornenhecke, dass man das Schloss nicht mehr sehen kann.

Immer wieder versuchen tapfere Prinzen, die Hecke zu durchdringen – und kommen grässlich darin um. Doch eines Tages wagt es wieder einer – und die Hecke tut sich auf vor ihm, er sieht alle im Schloss schlafen, sogar die Pferde auf dem Hof, und er geht hinein und sieht die wunderschöne Königstochter und kann den Blick gar nicht abwenden und wagt es, ihr einen heimlichen Kuss zu geben – und plötzlich wacht sie auf und mit ihr alle im Schloss. Und am Schluss heißt es:

„Und da wurde die Hochzeit des Königssohn mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.“

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

das war natürlich nicht der Predigttext aus der Bibel, aber doch immerhin eine bemerkenswerte Geschichte. Da steckt viel drin, wie in den meisten Märchen. Es lohnt sich, hinzuhören.

Dornröschen erlebt schon als Säugling die böse und die gute Seite des Lebens. Für ihre Eltern ist sie das lang ersehnte Wunschkind, ein schönes Baby soll sie gewesen sein und fast alle wünschen ihr nur Gutes. Aber es sieht so aus, als ob all das nicht zählte: Schönheit, Klugheit, Humor, Wohlstand, gute Freunde – all das zählt nicht im Angesicht des plötzlichen Todes. Der Fluch ist stärker als das gute Leben.

Ich glaube, schon hier ist ein tiefer Sinn dieses Märchens: All das, was Ihr heute geschenkt bekommt, all das, was eure Eltern sich aufgebaut haben und an euch weitergeben wollen, all das, was ihr selbst euch erarbeiten wollt – was zählt das, wenn plötzlich der Tod vor euch steht? Ich weiß, das sind unbequeme Gedanken am Tag der Konfirmation. Aber können wir denn mit den Bildern aus Erfurt vor Augen diese Gedanken völlig beiseite schieben? Wir wissen es doch in unserem tiefsten Inneren: für Geld, Erfolg und Schönheit können wir uns am Ende nichts mehr kaufen. Und wann dieses Ende kommt, sei es im Tod, sei es durch ganz andere schlimme Eingriffe in unser Leben, das wissen wir nicht.

Wenn wir nun hier stehen blieben, dann wäre das eine schreckliche Predigt gewesen und ein übles Märchen. Aber so ist es ja nicht. Nach der bösen Fee kommt die letzte der guten: Und sie verspricht Rettung. Zwar nicht so, dass all das Böse nicht mehr zählt. Auch nicht so, dass sie allen Schaden abwenden würde. Aber so, dass am Ende der Geschichte der vorübergehende Sieg des Fluches nicht mehr zählt.

Im Märchen ist es die gute Fee, die die Wendung bringt. Und in unserem Leben? Verlassen wir mal einen Moment das Märchen und denken an unser Leben. Immerhin geht es hier um die zentralste Frage hinter unseren Zukunftsplänen: Was überwiegt am Ende? Der Fluch des Bösen oder etwas anderes? Was kann das sein? Und gibt es einen Weg für uns, dies andere zu erreichen?

Viele von euch haben den Film „Der Herr der Ringe“ gesehen. Das ist bisher ja nur der erste Teil. Die Gefährten so unterschiedlicher Herkunft sind unterwegs, um den Fluch der bösen Macht zu brechen. Und am Ende liegt alles am Geschick Frodos – des kleinen unscheinbaren Hobbits. Mir scheint, Dornröschen liegt näher an der Realität als der Herr der Ringe. Wenn es unser Geschick wäre, dass uns am Ende über Wasser halten müsste – wir würden alle untergehen.

Martin Luther hat es so formuliert:

„Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.“

Ich glaube wirklich, dass dann, wenn es letztlich zählt in meinem und in eurem Leben es nur noch einen Halt gibt. Da nützen alle Erfolge nicht, die ich euch von Herzen wünschen in den nächsten Jahren, da helfen Klugheit und Humor, Freundschaft und Phantasie – alles Eigenschaften, die ihr reichlich habt – am Ende nicht mehr. Es muss etwas hinzu kommen, dass nicht aus euch selbst kommt, etwas, dass wir alle nicht lernen können.

Der populärste Konfirmationsspruch dieses Jahres deutet diese Richtung an: Er steht im Psalm 91, Franziska und Florian haben ihn sich ja auch ausgesucht:

„Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Bei Dornröschen ist es die gute Fee, die den Fluch aufhebt und vor allem ist es der Prinz, der durch Dornen und Gefahr der schönen Prinzessin seine Liebe und damit die Rettung bringt. So sind Märchen: Da ist alles dabei, Gut und Böse, Hass und Liebe, Verzweiflung und Hoffnung, Wundersames und Merkwürdiges. Da gibt es maßlose Übertreibung und sanft angedeutete Erotik, Ironie und meist auch tiefe Weisheit. Ausgedrückt wird dies durch Symbole und Bilder, die oft viel mehr in sich haben, als wir es zuerst erkennen.

Der Schlaf, der wie ein Tod war – und der Retter, der durch Dornen kommt und auch den eigenen Tod nicht scheut: Das sind Bilder, mit denen die Menschen früher und heute eine ganz andere Geschichte verbinden. Die Dornenkrone, das Zeichen des Schmerzes und des Leidens Gottes selbst als Mensch in unserer Welt – und die mit diesem Leiden untrennbar verbundene Liebe Gottes zu uns Menschen, das Versprechen seiner nicht endenden Liebe zu uns.

Gott begleitet uns auf unseren Wegen. Es mag der sein Engel sein, der mit uns ist. Es mag sein Segen sein, der uns trägt und nicht verlässt. Und all das trägt über den Tod hinaus. Der Fluch des Todes wird gebrochen. Es wird nicht der endgültige Tod sein sondern ein Schlaf, von dem wir erwachen werden zu neuem Leben.

Der Predigttext unseres Gottesdienstes steht im Römerbrief im 8. Kapitel:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Was uns das Märchen in der Sprache schöner Bilder verborgen sagt, finden wir viel tiefer wieder in der Wahrheit des Wortes Gottes. Der Tod wird nicht siegen, siegen wird die Liebe – denn nichts kann uns, kann euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, trennen von der Liebe Gottes.

Ich wünsche euch, dass ihr dies im Kopf und im Herzen behaltet. Ich wünsche euch, dass Gottes Segen euch begleiten möge und dass ihr wisst, dass es immer einen Halt gibt, wenn nichts euch mehr zu halten scheint. Vielleicht habt ihr in eurer Konfirmandenzeit ein bisschen davon erfahren, habt gespürt, dass es nicht so sehr um Wissen und Können dabei ging sondern um euer Leben, eure Zukunft und die Liebe Gottes, die wir alle immer wieder weitergeben können.

So wünsche ich euch, dass ihr alle Prinzen und Prinzessinnen sein möget – mit uns allen zusammen, die wir geliebt sind und befreit von der Macht des Bösen und in der Liebe Gottes vergnügt leben dürfen bis an unser Ende und weit darüber hinaus.

Pfr.Dipl.theol. Hans Immanuel Herbers

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