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Die Engel – eine Predigt zum Michaelistag

Engel sind für Viele eine pure Provokation. 1995 habe ich in der Paul-Gerhardt-Kirche in Leipzig-Connewitz über Michaelis, Engel und Kitsch gepredigt.

Der Predigttext unseres Gottesdienstes zum Michaelistag steht im Matthäusevangelium im 18. Kapitel:

Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?
Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.
Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

Weihnachtsmann, Osterhase, Nikolaus und Engel – das sind für viele Menschen ein und derselbe kindliche Unfug. Längst sind die Vorstellungen von Engeln in unserer Zeit in den Bereich von Kitsch oder verfremdender Kunst abgedriftet. Engel begegnen uns als Weihnachtsverzierung, in altmodischen Nachthemden kaum verhüllte, etwas dickliche Kinderfiguren.
Vom Schutzengel hören wir höchstens, wenn einer sein Glück bei einem Autounfall preist. Oder im sicher gut gemeinten Spruch: Fahr nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.
Und doch haben Engel einen festen Platz in unserem Gottesdienst – auch, wenn wir es kaum noch bemerken: Eben erst haben wir den Lobgesang der Engel gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried den Menschen ein Wohlgefallen. Und nach der Predigt, zum Abendmahl, werden wir wieder einen Gesang der Engel singen: Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Zebaoth: voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit.
In diesen Texten begegnen uns Verkündigungsengel, die himmlischen Chöre heißt es auch, die das Lob Gottes singen. Sie singen es nach der biblischen Überlieferung bei Gott und bei uns Menschen. Wir alle kennen die Geschichte von den Engelchören in der Weihnachtsgeschichte.
Für uns Menschen haben Engel noch weitere Bedeutungen: Sie verkünden Gottes Willen dort, wo Gott nicht Menschen zu seinen Boten macht. Das müssen Engel sein, die großen Eindruck machen, die auch erschrecken. Nicht umsonst heißt es dann immer wieder „Fürchtet euch nicht“, ehe der Engel seine Botschaft verkündet. Der Engel als Gottesbote begegnet uns in der Bibel immer wieder.
Als himmlische Wesen und als Boten haben die Engel eine wesentliche Eigenschaft: Sie weisen direkt auf Gott hin, zeigen uns seine Gegenwart. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Predigttext des vergangenen Sonntag – die Geschichte von Jakob, der die Himmelsleiter sieht und darauf die Engel Gottes, die zwischen Himmel und Erde sind.
Wenn Gott so durch seine Engel spricht und handelt, dann entzieht sich das unserem Verstehen. Der Priester und gelehrte Mann Zacharias, der Vater des Täufers Johannes werden soll, kann die Botschaft des Engels gar nicht fassen. Und so geht es auch den Theologen: Gottes Handeln durch die Engel ist gerade unseren evangelischen Theologen über die Jahrhunderte rätselhaft geblieben.
Die Engel als Boten Gottes sind uns heute meist kaum nachvollziehbar. Sie sind ein Stück der biblischen Überlieferung, das in die christliche Kunst eingegangen ist und dort immer wieder auf den Ursprung und das Ziel der Engel hinweist: Gott zu loben, von ihm zu singen und seine Gegenwart zu verkünden.

Doch Engel haben eine weitere Bedeutung, die mich in meinem Glauben, in meinem Erleben sehr viel direkter ansprechen. Da gibt es in unserer Jungen Gemeinde und seit kurzem auch im Gottesdienst für Kinder eine schöne Form des Abschiedssegens: Wir stellen uns nebeneinander, fassen uns über Kreuz an den Händen, bilden so einen ganz festen Kreis und singen: „Segne uns, o Herr! Laß leuchten dein Angesicht über uns und sei uns gnädig ewiglich! Segne uns, o Herr! Deine Engel stell um uns! Bewahre uns in deinem Frieden ewiglich!“
Ähnlich heißt es im Morgen- und im Abendsegen Martin Luthers: „Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde“.
Daß Gottes Engel um uns seien, uns schützen und begleiten, daß ist die Weise, in der Engel für unser Leben eine Bedeutung haben.
Das spüren vor allem Kinder. Für Kinder ist es oft gar keine Frage, daß Gott durch seine Engel bei ihnen ist, sie schützt und begleitet. Was bedeutet das aber? Ist nicht Gott immer bei uns, wozu dann das Bild von den Engeln bemühen?
Es ist eine wirklich alltägliche Erfahrung, daß nicht wir alleine und auch nicht nur die Menschen um uns herum auf unser Leben Einfluß nehmen. Wie immer wir es beschreiben wollen: Wir kennen das, was in altertümlicher Sprache beschrieben wurde als „Mächte und Gewalten“. Eingriffe in unser Leben, die wir uns nicht erklären. Eingriffe, die auch ganz gegen das gerichtet sind, was wir als Gottes Willen erkennen können.
Ich kann nicht an einen großen Gegenspieler Gottes glauben, an so eine Art Gegengott, wie ihn das Mittelalter in der Vorstellung vom Teufel entwickelt hat. Es ist eines der grundlegenden Zeugnisse des Glaubens Israels: Gott ist einzig und es gibt keinen anderen Gott, auch keinen bösen Gott, der gegen den guten kämpft.
Aber das Erleben fremder Mächte ist ein Urerlebnis der Menschheit.
Das mag zwar der Sozial- und Geisteswissenschaft der Gegenwart nicht gefallen, immerhin sind diese Mächte nicht meßbar und können nicht in Statistiken erfasst werden. Trotzdem ist es eine grundlegender Erfahrung nicht nur der Kinder, daß neben dem, was ich anfassen kann, was ich mit Augen, Ohren und Tastsinn spüre noch andere Mächte und Gewalten gibt.
Vor dieser Erfahrung haben gerade Erwachsene Angst. Wir sind so erzogen, daß wir die Welt um uns herum im Griff haben wollen. Selbstbeherrschung ist das Eine, die Beherrschung der Umwelt das andere. Der Mensch, meinen viele, könne alles in den Griff kriegen.
Dieser unerschrockene Glaube an die Beherrschbarkeit der Welt hat in der Diskussion um die Bewahrung der Schöpfung längst Risse bekommen: Wir sind nie und nimmer in der Lage, Gottes Schöpfung sozusagen umzuschöpfen. Wir sind Teil der Schöpfung und können ihre Gesetze und Zusammenhänge immer nur stückchenweise erfassen und beherrschen.
Aber neben dieser Erkenntnis, die wir vernünftigerweise alle nachvollziehen können, gibt es eine zweite Erfahrung gerade von Menschen in Extremsituationen. Ich denke da an die Interviews mit Menschen, die klinisch tot waren und von den Ärzten wieder ins Leben zurückgeholt werden konnten. Da gibt es viele übereinstimmende Bilder und eines davon ist: Sie waren nicht allein, sie wurden erwartet, oft sogar begleitet auf ein Ziel zu.
Und Menschen, die den Tot vor Augen hatten, berichten oft: Da war etwas, daß hat mich aufrecht gehalten, da war ich plötzlich nicht allein.
Wir glauben fest daran, daß so Gott bei uns ist und uns nicht allein läßt. Und wir können in der Bibel lesen, auf welche Weise Gott uns begleitet, uns umgibt:
In unserem Predigttext heißt es: „Seht zu, daß ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.“ Das heißt doch: Gerade für die Kleinen gibt es Engel, gibt es diese besondere Weise der Begleitung, die wir im Alltag und oft unser ganzes Leben kaum spüren. Gott gibt uns gegen all die Mächte und Gewalten der Welt seine Mächte und Gewalten: seine Engel. Das ist der Kern der Sprüche vom Schutzengel, der uns vor Verkehrsunfällen schützen soll.
Daß wir Erwachsenen Gottes Wirken so kaum noch erleben können, daß wir vor diesen Erfahrungen des Übernatürlichen mehr Angst als Freude verspüren, daß wußte auch Jesus. Darum sagt er: Nicht wer alles im Griff hat, nicht wer die meisten Aktivitäten entfaltet und am lautesten Zeugnis ablegt ist der Größte im Himmelreich. „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“
Zu glauben wie die Kinder und zugleich den Verstand, den Gott uns geschenkt hat zu nutzen – dieser Spagat ist eines der großen Geheimnisse unseres Lebens.
Dietrich Bonhoeffer hat in einer seiner letzten Botschaften vor seiner Ermordung zum Jahreswechsel 1944/45 den Seinen ein Gedicht geschickt: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“


Der Benno-Verlag Leipzig hat den Text 2013 in sein <a href=“http://www.st-benno.de/shop/von-engeln-getragen.html#description“>Buch „Von Engeln Getragen“</a> aufgenommen.

Engel Buch

© Benno Verlag Leipzig

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