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Christen, Juden, Jerusalem – eine Predigt

Im Rahmen einer Predigtreihe der Lippischen Landeskirche predigte ich im August 1997 über Jerusalem und Israel. Hier der – immer noch aktuelle – Text der Predigt:

Wir haben es gehört im Evangelium – Jesus weint über Jerusalem. Jesus weint über das Schicksal der Stadt, des Volkes.
„Er sah die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.“

Das Weinen über Jerusalem – das scheint eine der vertrautesten Klagen zu sein, damals und durch die Zeiten bis heute. Die Propheten, Elisa, Jeremia, sie weinten über die Stadt, das Zentrum ihrer Welt. Sie weinten, weil ihr geliebtes Jerusalem Gottes Gebote mit Füßen trat. Sie weinten, weil Jerusalem nicht zur Ruhe kam – in Unruhen, Krieg, Verschleppung ins Exil, in der Zerstörung des ersten Tempels.
Und später weint das Volk im fernen Exil an den Flüßen zu Babylon – weint, weil mit Jerusalem auch Gott so fern scheint, weil diese Stadt, von der sie vertrieben waren, der Inbegriff der Gnade Gottes war, weil Jerusalem für die Juden aller Zeiten untrennbar mit dem ewigen Bund Gottes verknüpft war und ist.
Es weinen die Makkabäer – und greifen voll Zorn zu den Waffen um das gottlose Treiben heidnischer Besatzer in Jerusalem zu beenden.
Das Weinen über Jerusalem, die Stadt Gottes, hat eine traurige Tradition in Israel.

„Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!“
sagt Jesus über diese Stadt, die doch das Ziel seiner Wanderungen durch Galiläa, Samaria und Judäa war. Mitten in der jubelnden Begrüßung der aufgewühlten Volksmassen spürt Jesus es: Auch jetzt erkennt Jerusalem nicht, was zum Heil und zum Frieden Gottes dient.

Und staunend hören wir, wie nach der Zerstörung des Tempels 40 Jahre später im Volk Israel die Klage weitergeht: So heißt es im jüdischen Talmut bei den Sprüchen des Brachot:
Drei Wachen hat die Nacht, und jede einzelne Wache sitzt der Heilige, gelobt sei er, und brüllt wie ein Löwe und spricht: Wehe den Söhnen, daß ich um ihrer Verschuldung willen mein Haus zerstörte, meinen Tempel verbrannte und sie unter die Völker der Welt verbannte.“

Das jüdische Volk hat die Klage Jesu fortgesetzt bis in unsere Zeit. Jahr für Jahr hieß der wehmütige Gruß zum neuen Jahr: Nächstes Jahr in Jerusalem…

Eingebettet in das Weinen der Propheten um Jerusalem und das Volk Gottes erscheint Jesus uns plötzlich als einer aus seinem Volk, als einer aus Israel. Jesus, der um die Stadt weint und der empört sehen muß, was aus dem Tempel geworden ist – dem Ort, der ein Bethaus sein sollte. Schon Jeremia verkündigt den Zorn Gottes am Eingang des Tempels:
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Bessert euer Leben und euer Tun, daß ihr recht handelt einer gegen den andern und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.
Aber nun verlaßt ihr euch auf Lügenworte, die zu nichts nütze sind. Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. Und dann kommt ihr und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir sind geborgen, – und tut weiter solche Greuel.
Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR.

Jesus nimmt den Zorn Gottes auf, der schon so oft gerade hier in Jerusalem verkündet wurde.

Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht.

Und er verkündet die Folge der Absage der Menschen an Gott:
Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Ein zweites Mal soll der Tempel zerstört werden, soll das Volk Gottes vertrieben werden aus seinem Land, das Gott ihm gegeben hatte. Im Jahre 70 nach Christus, 35 Jahre später also, war es soweit: Der Tempel stand in Flammen, der Aufstand der Juden gegen Rom hatte zum Untergang geführt.

So haben Juden erneut das Exil erlebt, diesmal für Jahrhunderte. Das Volk Gottes wurde aus Israel verbannt, das Land umbenannt in Palästina, Jerusalem wurde zur römischen Garnison Aelia Capitolina. Und jede neue Vertreibung von Juden aus den Orten und Ländern ihres Exils wurde begleitet vom Weinen über Jerusalem, vom Weinen Jesu über sein Volk.

Es ist unbegreiflich, wie in Jahrhunderten der Verblendung, der Blindheit, des Hasses und der Unmenschlichkeit Christen immer wieder dieses Volk Gottes verfolgten, Juden ermordeten, sie als Freiwild betrachteten, sie beraubten und vergewaltigten, vertrieben und massakrierten. Und wir Christen in Deutschland dürfen nie vergessen, daß es Deutsche waren, die im wahnwitzigen Versuch, das Volk Gottes auszurotten, Millionen ermordeten. Es waren Deutsche – die sich oft genug vorher und nachher als brave Christenmenschen in den Gottesdienst setzten.

Es ist unbegreiflich – als hätte Paulus nie den Römerbrief geschrieben, als hätte er uns nicht hinterlassen:
Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Und Paulus gibt uns eine schwere Verantwortung: Erst wenn „die Fülle der Heiden“ wie er schreibt, „zum Heil gelangt ist“ – dann wird auch das Volk Israel erkennen, daß Gott in Christus Mensch geworden ist. Israel ist damit nicht mehr Ziel christlicher Mission – Paulus verweist uns an die gesamte übrige Welt.

Jesus weint über Jerusalem, über die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung, die kommen werden.

Können wir da 1948 aufhören, weiterzudenken? Was heißt es da, daß es seit fast 50 Jahren wieder einen Staat Israel gibt? Das Gottes Volk wieder eine Heimat hat, ein Land, in dem keine Pogrome, Ghettos und keine Konzentrationslager das Schicksal der Juden sind? Was heißt es da, daß wieder Juden an der Tempelmauer beten, an dem Ort, den Jesus wieder zum Ort des Gebetes gemacht hatte?

Und wieder gibt es Grund genug, über Jerusalem zu weinen. Selbstmordattentäter, Bomben, Morde, Intifada, Haß und Zerrissenheit – das ist Jerusalem heute. Jeruschalajim für die einen, die Stadt Davids. El Qudds für die anderen, die Stadt, in der der Prophet Mohamed zum Himmel aufgefahren sein soll. Und die Heilige Stadt auch für die dritten, die den Kreuzweg Jesu mitgehen und die Stätten seines Lebens besuchen.

Erst, wenn alle Religionen Jerusalem verlassen, wird die Stadt Frieden finden, sagt ein evangelischer Pfarrer in Jerusalem.

Frieden für Jerusalem – dazu können wir hier nicht viel tun. Wir können daraus lernen, was dort passiert. Wir können Toleranz und Nachbarschaft üben mit anderen – mit den wenigen Juden in unserem Land, mit den Muslimen und anderen Menschen, die in unser Land kommen. Wir können lernen, daß Haß und Abgrenzung niemanden dem näher bringen, was zum Frieden dient, wie Jesus es seiner Stadt Jerusalem so sehr wünscht.

Wir können lernen, daß unser Zeugnis von Jesus Christus nicht mit dem Schwert der Kreuzritter und nicht mit der blinden Wut übereifriger Prediger ins Heilige Land wirken wird, sondern nur durch unser Leben. Nur wenn wir so leben, wie wir es predigen, sind wir ein glaubwürdiges Zeugnis.

Jesus lehrte dann täglich im Tempel. Und das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn. Machen wir es doch wenigstens darin dem Jerusalem Jesu Christi nach: hören wir auf sein Wort und sorgen wir dafür, daß es in unserer Stadt nicht verstummt.

Daß es Jesus Christus ist, das Evangelium, das zum Frieden dient – daß können wir glaubhaft machen.
Und zugleich darf unser Gebet nicht aufhören für Jerusalem, die Stadt des Herrn, für Gottes Volk und für alle Menschen im Heiligen Land.

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